Wenn eine Frau nicht genug ist

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Ein Fall von Bigamie im Kreis Pinneberg löst hitzige Diskussionen aus

Die Schlagzeilen gehen durch Europa: Bigamie in Pinneberg. Ein Syrer lebt mit zwei Ehefrauen und sechs Kindern unter einem Dach (unsere Zeitung berichtete). Es hagelt Strafanzeigen. Gegen den Syrer. Gegen seine Frauen. Gegen Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Gegen den Landrat. Wegen Bigamie. Wegen Förderung der Bigamie. Wegen Sozialbetrugs. Wegen sexuellen Missbrauchs. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe findet keine Hinweise auf Straftaten und legt den Fall zu den Akten. Doch viele Fragen bleiben. Was ist Bigamie eigentlich? Ist sie tatsächlich verboten? Wie verbreitet ist sie überhaupt?

Für die AfD ist das Thema ein gefundenes Fressen. „Die Nachricht, dass der Landkreis Pinneberg den Nachzug von Zweitfrauen aus Syrien fördert, obwohl Bigamie nach dem deutschen Strafrecht verboten ist, nimmt der AfD-Bundestagsabgeordnete Thomas Ehrhorn zum Anlass, alle deutschen Behörden eindringlich aufzufordern, „sich ausschließlich am deutschen Recht zu orientieren“, heißt es auf der Internetseite der AfD. Der Niedersachse Ehrhorn formuliert dort: „Es muss endlich Schluss sein mit dem Einknicken unseres Staates vor dem Islam. Wer bei uns Schutz sucht, hat sich ausnahmslos an unsere Gesetze und Kultur zu halten und uns nicht umgekehrt seine archaischen Sitten aufzudrücken.“

Was ist dran an den Einlassungen des AfD-Manns? Ein Blick ins Strafgesetzbuch verrät: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer verheiratet ist oder eine Lebenspartnerschaft führt und mit einer dritten Person eine Ehe schließt.“ Klingt eindeutig. Doch der Begriff „Ehe“ ist juristisch eng gefasst. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es: „Die Ehe wird nur dadurch geschlossen, dass die Eheschließenden vor dem Standesbeamten erklären, die Ehe miteinander eingehen zu wollen.“ Das bedeutet: Heiraten zwei Menschen ausschließlich in einer religiösen Zeremonie, gelten sie nicht als Eheleute im Sinne des Gesetzes. Dabei ist unerheblich, ob sie Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten oder Anhänger einer exotischen Sekte sind. An dieser Stelle verläuft eine feine aber bedeutende Trennlinie: die zwischen Recht und Moral.

Die AfD suggeriert zudem, Horden muslimischer Bigamisten fielen in Deutschland ein und krempelten dort traditionelle Lebensformen um. Dabei ist Bigamie auch in muslimisch geprägten Ländern eine Randerscheinung. Das sagt Dr. Dina El Omari. Sie ist Islamwissenschaftlerin am Excellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster. „Die Bigamie wird in den meisten muslimischen Familien abgelehnt“, sagt El Omari. Es gebe jedoch regionale Unterschiede. „In Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Vielehe ein bekanntes Phänomen.“ In Tunesien und Marokko sei sie dagegen verboten. In der Türkei ist sie gesetzlich verboten, aber teilweise toleriert. Das wegen radikaler Umtriebe vom bayrischen Verfassungsschutz beobachtete Islamische Zentrum München schreibt auf seiner Internetseite: „Die Mehrehe ist unter den Muslimen eher die Ausnahme.“

Grundlage für Polygamie im Islam ist ein Vers der vierten Sure im Koran. Darin heißt es: „Und wenn ihr fürchtet, in Sachen der (eurer Obhut anvertrauten weiblichen) Waisen nicht recht zu tun, dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, (ein jeder) zwei, drei oder vier. Und wenn ihr fürchtet, (so viele) nicht gerecht zu behandeln, dann (nur) eine (…)“. El Omari sagt zum historischen Sinn der Mehrehe: „Sie diente dem Zweck der sozialen Absicherung der Frauen, wenn etwa deren Väter verstorben waren.“ Eine entscheidende Anforderung an die Männer sei, die Frauen „gerecht“ zu behandeln. In einem anderen Vers der vierte Sure heißt es jedoch: „Und ihr werdet die Frauen (die ihr zu gleicher Zeit als Ehefrauen habt) nicht (wirklich) gerecht behandeln können, ihr mögt noch so sehr darauf aus sein.“ El Omari deutet das so: „Der Vers verneint die Möglichkeit, dass alle Frauen gerecht behandelt werden können. Die Vielehe ist nicht das gewünschte Modell. Das Ziel des Korans war wohl eher die Abschaffung der Vielehe.“

Trotzdem fürchten manche nun, Mehrehe unter Einwanderern bringe das gesellschaftliche Leben Deutschlands ins Wanken. Dabei ist Polygamie keine muslimische Erfindung. Es gibt sie vermutlich, seit Menschen die Erde besiedeln. Konkubinen waren den Männern in fernöstlichen Kaiserreichen und im alten Rom zu Diensten. Die Maîtresse en titre kam im französisch-katholischen Absolutismus ganz offiziell in Amt und Würden. Das Alte Testament ist reich an Vielweiberei. In der Bibel findet sich auch kein ausdrückliches Verbot. Die amerikanische Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage (1826-1898) schreibt in ihrem Werk „Woman, Church And State” dem Kirchenreformer Martin Luther folgendes Zitat zu: „Ich für meinen Teil bestätige, dass wenn ein Mann wünscht, zwei oder mehr Frauen zu ehelichen, so kann ich es ihm nicht verbieten, denn es widerspricht nicht den Schriften.“ Die Polygamie werde von höchsten Kirchenfürsten praktiziert.

Alles graue Geschichte, weit weg der Moderne? Es lohnt ein Blick auf die abendländische Praxis partnerschaftlicher Treue heute. Je nach Umfrage gehen zwischen 25 und 50 Prozent der Deutschen fremd – Männer wie Frauen. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus. „Der Mensch ist zwar von der Natur so konstruiert, sich nach ewiger Liebe zu sehnen. Aber er ist nicht dazu gebaut, treu zu bleiben“, zitiert die Journalistin Heike Stüvel in einem Beitrag für „Die Welt“ den amerikanischen Soziobiologe Robert Wright. Und die Journalistin Michèle Binswanger fragt in einem Beitrag für „Die Zeit“: „Warum pathologisieren wir Fremdgeher, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind? Warum halten wir serielle Monogamie für tauglicher, als uns vom Dogma der Monogamie zu verabschieden?“

Quelle: www.shz.de/nachrichten/meldungen/wenn-eine-frau-nicht-genug-ist-id20299777.html