Dritte Stunde Toleranz

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Dritte Stunde Toleranz

In der Berliner John-F.-Kennedy-Schule soll ein Schüler monatelang antisemitisch gemobbt worden sein. Auch in Grundschulen gibt es immer wieder religiöses Mobbing. Wie lernen Schüler Toleranz? Ursula Voßhenrich hat Schulen in Neukölln und Lichtenberg besucht.

Ein polnisches Mädchen wird von Mitschülern gefragt, ob sie klauen würde, weil sie doch Polin sei. Ein Junge aus einer afrikanischen Familie wird schon mal wegen seiner Hautfarbe beleidigt. Oft werden zu Beginn des Unterrichts erst mal solche Probleme besprochen, sagt Elke Schlag-Schrader. Sie ist evangelische Religionslehrerin in der Neuköllner Richard-Grundschule.

Auch der antisemitische Angriff auf einen jungen Mann im Prenzlauer Berg, der wegen seiner Kippa mit dem Gürtel geschlagen wurde, war Thema in ihrem Unterricht. Ob so etwas auch hier an der Richardschule passieren könnte? Das glauben die Kinder nicht. Auch „Du Jude“ als Schimpfwort hat hier noch niemand gehört. Aber schon mal „Scheiß Christen“, aber auch „Scheiß Muslimin“.

Auf die Richard-Grundschule gehen 450 Mädchen und Jungen. Etwa 90 Prozent der Kinder kommen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte.

Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt

Im islamischen Religionsunterricht lässt Lehrerin Rukiye Kurtbecer die Kinder Koranverse in kleinen Rollenspielen auf ihr Alltagsleben übertragen. Es geht es um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt. Es ist schon mal vorgekommen, dass muslimische Kinder andere beschimpfen, weil diese vermeintlich gegen islamische Regeln verstoßen, erzählt Rukiye Kurtbecer. Sie erklärt, dass jeder glauben oder nicht glauben kann, was er will.

In den palästinensischen Familien der Kinder herrscht oft große Wut auf Israel und die Juden. An der Richardschule gibt es keine jüdischen Kinder – aber einige Klischees und Vorurteile gegen sie. Darum hat Rukiye Kurtbecer einen Besuch im Jüdischen Museum organisiert.

Toleranzunterricht (Quelle: rbb/ Ursula Voßhenrich)
Die große Politik landet auf dem Schulhof

Der Religionsunterricht ist in Berlin ein freiwilliges Fach und wird von den Religionsgemeinschaften angeboten. Außerdem gibt es den Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes. Auch der ist freiwillig.

Für Lebenskundelehrerin Susan Navissi ist die Suche nach Gemeinsamkeiten die Hauptaufgabe ihres Unterrichts: Was macht die Kinder zu einer Gemeinschaft, über alle religiösen, sozialen und kulturellen Unterschiede hinweg?

Grundschulen müssen bereits viel leisten: Hier verbringen die Kinder acht Stunden am Tag. Hier landen nicht nur viele kleine Konflikte, sondern auch die große Politik auf dem kleinen Schulhof: Armut, Flüchtlingszuwanderung, Nahostkonflikt. Personell seien sie gar nicht dafür ausgestattet, sagt der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Der Fachkräftemangel könne nicht allein mit den Quereinsteigern behoben werden. Und bei allem Engagement der Schulen: Tom Erdmann fehlt ein gemeinsames, verpflichtendes Unterrichtsfach wie Ethik.

Tafel im Toleranzunterricht (Quelle: rbb/Ursula Voßhenrich)

Sozialpädagogische Angebote sind wichtig

Die Rixdorfer Grundschule in Neukölln ist ebenfalls eine so genannte Brennpunktschule: 400 Kinder, viele aus armen Familien, 92 Prozent Migrationshintergrund.

Toleranz wird hier von 8 bis 16 Uhr geübt, erklärt Schulleiterin Anke Peters. Ganz wichtig sind dabei die sozialpädagogischen Angebote: Spiele oder Filmworkshops, aber auch bei Bedarf eine intensive pädagogische Betreuung. Wichtig ist Schulleiterin Peters, dass die Vielfalt der Kinder als Bereicherung und nicht als Problem verstanden wird.

Das ist nicht selbstverständlich, denn die Lehrerzimmer in Berlin seien größtenteils weiß, sagt der Gewerkschafter Tom Erdmann. Es gebe zu wenige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Deswegen bräuchte es mehr Fortbildungen in diesem Bereich.

Die Grundschule am Wilhelmsberg in Berlin Lichtenberg: Viele Probleme landen hier in der Schulstation, an die sich alle Kinder, Lehrer und auch Eltern wenden können. Außerdem gibt es noch das Unterrichtsfach „Soziales Lernen“. Darin sollen die Kinder zum Beispiel verstehen lernen, wann sie jemanden verletzen und wie man einen Streit schlichtet.

600 Kinder sind an dieser Schule, etwa 60 Kinder kommen aus den umliegenden Flüchtlingsunterkünften. Hanna aus der 5. Klasse erzählt, dass einige Kinder schlecht über die Flüchtlingskinder sprechen. Es gäbe Vorurteile bei Eltern, bestätigt Klassenlehrerin Gerlinde Kita. Solche wie „Das sind Schmarotzer, essen und trinken hier umsonst!“ würden vorkommen. An die Eltern heranzukommen sei aber schwierig.

 

Quelle: www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/07/toleranz-unterricht-berlin-schulen-mobbing.html