Deutschland – wenn die Tochter plötzlich Niqab trägt

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Nein, das möchte eine Mutter nicht erleben: Dass plötzlich der Staatsschutz vor der Haustür steht und erklärt, die eigene Tochter plane die Ausreise ins Gebiet der Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach Syrien. Monika Müller (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich schaudernd an diesen Tag im Jahr 2014. Wenigstens folgte auf die Sorge die Erleichterung: Die Polizei war in einer Moschee Gerüchten aufgesessen, die sich als falsch herausstellten.

Aber auch jenseits der Gerüchte hat Monika Müller vieles erlebt, was eine Mutter nicht erleben möchte: Dass sich ihr Kind islamistisch radikalisierte und sich entschloss, nicht nur Kopftuch zu tragen, sondern die Vollverschleierung Niqab; dass sich ihr Kind über ein muslimisches Heiratsforum im Internet einen wildfremden Ehemann suchte, mit dem sie nichts verband außer der religiösen Ideologie. Monika Müller ist bereit, mit der Deutschen Welle über ihre Geschichte zu sprechen, wenn die Anonymität ihrer Familie gewahrt bleibt.

Gehirn einschalten

Anfang sechzig ist Frau Müller, die kurzen roten Haare umrahmen ein waches Gesicht, das gerne herzlich lacht. Sie ist Ärztin in einer mittelgroßen Stadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Wir treffen sie in ihrer Praxis. Wir sind über ihre Mitarbeit bei einem Hilfsprojekt auf Monika Müller aufmerksam geworden. Seit zwei Jahren versucht sie anderen jungen Menschen Hinweise zu geben, wie sich eine Radikalisierung vollziehen kann. Dabei hat sie immer ihre eigene Tochter vor Augen: „Die Jugendlichen sollen ihr Gehirn einschalten, damit sie sich nicht einfach von irgendwelchen Leuten zu Dingen überreden lassen.“ Der Ärztin geht es nicht nur um den fundamentalistischen Islam: „Das wäre genauso, wenn sich die Jugendlichen rechtsradikal betätigen würde. Radikalisierung kann eine Familie auch auseinander brechen lassen.“

Monika Müller von hinten vor einem Fenster (DW/M. von Hein )

Die vergangenen Jahre haben sehr viel Kraft gekostet, sagt Monika Müller

Monika Müllers Familie ist nicht auseinander gebrochen. Die Mutter hält engen Kontakt zu ihrer Tochter Sophia (Name von der Redaktion geändert). Sie telefonieren fast täglich und schicken sich Nachrichten über WhatsApp. Sie besuchen sich regelmäßig und unternehmen gemeinsame Ausflüge – zum Beispiel auf den Weihnachtsmarkt. Aber das war nicht immer so. Es gab auch Phasen des völligen Kontaktabbruchs. Monatelang.

Durch Trauma zum Islam

Dass die heute 24-jährige Sophia als Teenager zum Islam konvertierte, führt Monika Müller vor allem auf ein Ereignis zurück, dass sie im Gespräch mit uns nur unscharf als „traumatisches Erlebnis außerhalb der Familie“ beschreiben möchte. Dieser Schicksalsschlag habe die damals 12-jährige Sophia zutiefst verändert. Danach, so lässt sich die Schilderung der Mutter zusammenfassen, habe sich der Wunsch nach Schutz „wie ein roter Faden“ durch Sophias Leben gezogen.

Trotz der Therapie, mit der die Tochter das schwere Erlebnis zu verarbeiten versuchte, kam Sophia zu einer für ihre Mutter unverständlichen Schlussfolgerung: „Sie hat sich dann in den Kopf gesetzt, dass sie zum Islam konvertieren muss, weil diese Religion sie besser schützen kann als die Religion, mit der sie groß geworden ist.“ Sophia war katholisch getauft und später auch als Messdienerin in Gottesdiensten aktiv.

Mit 16 Jahren begann sie in die Moschee zu gehen, zunächst heimlich. Sophia habe sich fast nur noch mit Mädchen umgeben, die „einen islamischen oder kulturell marokkanischen, sehr patriarchalischen Hintergrund hatten“, erinnert sich die die Mutter. Als die Tochter sich dann mit 17 Jahren für das Kopftuch entschied, sei es mit dem Frieden in der Familie vorbei gewesen: „Sophia hat zwei Geschwister. Da gab es immer Diskussionen. Immer Streit. Wir wurden als Ungläubige beschimpft. Sophia hat nur noch den Koran mit sich herumgeschleppt – oder Bücher wie ‚Die muslimische Frau, die muslimische Ehe‘.“

Vollverschleierte Frauen mit Niqab in Bonn(picture-alliance/Ulrich Baumgarten)

Mit 17 entschied sich Sophia für das Kopftuch, später reichte ihr das nicht mehr. Seitdem trägt sie Niqab, so wie die Frau links im Bild

Erste Ehe als Teenager

Das Mädchen zog schließlich aus und verschwand von der Bildfläche. Noch als Teenager heiratete Sophia einen den Eltern unbekannten Türken, doch die Ehe hielt nicht lange, erinnert sich Monika Müller: „Der Mann war ihr nicht fromm genug, und sie ist wieder zu uns zurückgekommen. Da haben wir zuerst gedacht: Jetzt ist es vorbei. Jetzt wird sie wieder vernünftig. Aber das war nicht der Fall.“

Stattdessen suchte Sophia in muslimischen Heiratsforen im Internet nach einem strenger gläubigen Ehemann. Darüber eskalierte die Lage in der Familie erneut. Der Vater nahm Sophia das Smartphone weg, sie brach ihre Ausbildung ab. Kurz vor dem Abschluss. Die konvertierte Tochter verließ ihr Elternhaus zum zweiten Mal. „Ein paar Wochen später haben wir dann erfahren, dass sie in Münster (Ortsangabe von der Redaktion geändert) lebt und dort islamisch geheiratet hat. Zu der Zeit war sie schon voll verschleiert, mit Niqab“, blickt Monika Müller zurück.

Zwei Kinder hat Sophia seither bekommen, mit einem dritten ist sie schwanger. Die Mutter empfindet das Frauenbild, das ihre Tochter lebt, als extrem rückwärtsgewandt: „Die Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um die Kinder und sorgt dafür, dass der Mann etwas zu essen auf dem Tisch hat, wenn er nach Hause kommt.“

Niqab-Trägerin mit Kinderwagen in Bonn (picture-alliance/U. Baumgarten)

So wie diese Frau schiebt auch Sophia vollverschleiert ihren Kinderwagen durch die Stadt – und erlebt dabei immer wieder Anfeindungen

Zu ihrem aus Albanien stammenden Schwiegersohn versucht Monika Müller ein „normales Verhältnis aufrechtzuerhalten, so wie man das gerne zu seinem Schwiegersohn hätte.“ Müller beschreibt ihn als fundamentalistisch. Zweimal sei er in Syrien gewesen, erzählt sie. Für die Organisation „Medizin mit Herz“ habe er Hilfstransporte dorthin gefahren. Der Verfassungsschutz des westdeutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen stuft „Medizin mit Herz“ als extremistisch-salafistisch ein. Mittlerweile habe sich ihr Schwiegersohn von dem Verein distanziert, berichtet Monika Müller.

Vorsichtiges Entgegenkommen

Sie weiß um fundamentalistische Familien, die ihre Kinder abschotten, ihnen das Singen und Fernsehen verbieten. Doch bei ihrer Tochter Sophia glaubt die Ärztin zu beobachten, wie vor allem die Mutterschaft die extrem religiöse Haltung aufzuweichen scheint. Ganz am Anfang habe ihre Tochter es noch abgelehnt, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken. Doch mittlerweile habe Sophia gemerkt, „dass es für die Kinder sehr wichtig ist, dass sie mit anderen groß werden und eben nicht nur so ein eingeschränktes Weltbild vorgesetzt bekommen.“

Der Kindergarten ermöglicht auch der Tochter selber neue Kontakte jenseits der eigenen kleinen Welt: „Sophia hat nicht so einen großen Freundeskreis“, sagt Monika Müller. „Sie kommt ja nicht aus Münster. (Freunde) sind in der Regel erst einmal Freunde ihres Mannes. Man trifft sich mit den Familien, oder auch innerhalb der Familie. Mein Schwiegersohn hat noch zwei Brüder mit Kindern.“

Angespuckt und Angerempelt

Als weiteres Zeichen des Entgegenkommens wertet Monika Müller, dass ihre Tochter bei Familienfeiern wie etwa Hochzeiten inzwischen ohne Niqab auftritt. Doch die Mutter ist auch gespalten. Sie gerät in Rage, wenn sie davon erzählt, was ihre Tochter erlebt, wenn sie voll verschleiert unterwegs ist.

Frauen mit Niqab sitzen auf einer Mauer (picture alliance/dpa/U. Deck)

Sophia sieht ihre Vollverschleierung als Schutz, erklärt ihre Mutter

„Sophia  ist schon oft angespuckt und angerempelt worden. Man hat sich vor ihr aufgebaut und gesagt: ‚So etwas wie dich sollte man erschießen!‘ Ich habe selbst erlebt, dass Leute sie angepöbelt haben, wenn ich mit ihr unterwegs war.“ Sie könne deshalb auch verstehen, dass Sophia manchmal sage: „In Deutschland kann man nicht so gut leben.“

Früher sei deshalb öfter die Rede davon gewesen, in ein arabisches Land zu ziehen, arabisch zu lernen und den Koran zu studieren. Wohl wegen der Kinder sei das aber schon länger kein Thema mehr, vermutet Müller. „Meine Tochter hat gemerkt, dass es für sie wichtig ist, dass ihre Kinder in diesem Land eine gute Bildung haben können. Und dass das in arabischen Ländern nicht so einfach ist, schon gar nicht für eine Frau.“

Dass der Staatsschutz noch einmal wegen möglicher Ausreisepläne ihrer Tochter nach Syrien vor der Tür steht, fürchtet Monika Müller nicht mehr. Ihr Schwiegersohn aber, davongeht die Ärztin aus, werde weiter vom Staatsschutz beobachtet. Letztes Jahr erst sei in Abwesenheit der Familie deren Wohnung durchsucht worden.

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