Die Pflicht, sich Wissen anzueignen – Buch „The African Caliphate“

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Foto: Ammar Asfour, The Eye in Islam

(iz). Der bekannte westafrikanische Gelehrte und Schaikh ‘Uthman Dan Fodio musste während seiner Lebenszeit mehrfach auf Einwände und rechtliche Fragen zeitgenössischer Gelehrte antworten. In der sich entfaltenden Debatte ging es nicht nur um die Frauenbildung alleine, sondern um die Teilnahme von Frauen am Handel und Berufsleben sowie ihrem Betreten des öffentlichen Raumes. Als Quelle für Dan Fodios Antworten und Ansichten stehen drei seiner Bücher zur Verfügung: „Nur Al-Albab“, „Tanbih Al-Ikhwan“ sowie „Irschad Al-Ikhwan ila Ahkam Khurudsch An-Niswan“.

In dem zweiten Titel (Tanbih) verteidigte der wichtige Erneuerer des westafrikanischen Islam im frühen 19. Jahrhundert die Teilnahme der Damen an seinen Vorlesungen. Das werde nicht nur vom Gesetz zugelassen, sondern sogar ­gefordert: „Ich lehre den Männern die individuellen Verpflichtungen (des ­Islam). Die Frauen nahmen in den hinteren Reihen daran teil (…). Später wies ich einen bestimmten Tag für die ­Männer und einen spezifischen für die Frauen zu, da dies sicherer und besser ist. Es wurde im Sahih Al-Bukhari über­liefert, dass die Frauen zum Propheten sagten: ‘Die Männer haben einen Vorteil vor uns, soweit der Zugang zu dir betroffen ist. Lege daher einen Tag für uns fest.’“

In dem Buch wird deutlich, dass die Teilnahme von Frauen an Freilichtvorlesungen keine Erfindung von Dan Fodio war. Andere große Gelehrte, die vor ähnlichen Herausforderungen durch weitverbreitete Unwissenheit standen, erlaubten dies oder empfohlen es ausdrücklich. Dazu gehörte Sidi Ahmad ibn Sulaiman, laut Schaikh Dan Fodio „ein großer ­Heiliger“. Und kein geringerer als Imam Al-Ghazali empfahl das Gleiche.

Es ist verpflichtend für eine Frau, so der Gelehrte, sich volles Wissen von ihren religiösen Pflichten wie Gebet, Fasten, Zakat, Hadsch sowie alltäglicheren Dingen wie Handel und Transaktionen aneignen müssen. Wenn ihr Ehemann nicht in der Lage sei, sie mit dem nötigen Wissen zu versehen, besteht für sie die islamische Pflicht, auf der Suche danach ihr Haus zu verlassen. „Verweigert er ihr die Erlaubnis“, sagt der Schaikh kate­gorisch in „Irschad“, dann sollte sie „ohne seine Erlaubnis hinausgehen“. Weder könne eine solche Frau dafür kritisiert werden, noch unterlaufe ihr dabei eine falsche Handlung. „Die Autorität sollte den Ehemann zwingen, seiner Frau ­Bildung zu verschaffen, so wie sie ihn zwingen sollte, sie zu versorgen. Nein, Wissen ist höherrangig.“

Wenn eine Frau soweit reisen könne wie zur Hadsch, warum solle sie dann nicht über ihren Din lernen, was in den Augen des Schaikhs eine größere Verpflichtung als die Hadsch selbst sei? In dem Buch „Nur Al-Albab“ nennt Schaikh ‘Uthman Dan Fodio diejenigen Ge­lehrten, die sich gegen die Bildung von Frauen wenden, Heuchler. Sie würden ihre Frauen, Töchter und andere weibliche Haushaltsmitglieder der Unwissenheit überlassen, während sie Wissen an andere weitergeben. Die Bildung für ­Gattinnen, Töchter und andere abhängige Haushaltsmitglieder ist eine Pflicht, während der Unterricht von Studenten freiwillig ist.

Dan Fodio trägt die Diskussion zu den Frauen selbst. „Oh, muslimische Frauen“, ruft er in „Nur Al-Albab“ aus. „Hört nicht auf diejenigen, die fehlgeleitet sind und andere in die Irre führen. (…) Sie verlangen von euch Dinge, die weder ­Allah noch Sein Gesandter euch auferlegt haben – wie Kochen, Waschen etc. –, während sie nicht im Geringsten von euch die Erfüllung der wahren Pflichten einfordern, die euch von Allah und ­Seinem Gesandten gegeben wurden. Ja! Eine Frau ist durch die Übereinkunft der Juristen (…) dazu aufgerufen, ihrem Mann zu widerstehen, wenn er sie zum Ungehorsam gegen Allah aufruft. (…)“

Die eindeutige Haltung von Schaikh ‘Uthman Dan Fodio bei dieser Frage leitet sich aus seiner Rolle als sozialer Erneuerer ab. Denn seine moralische und soziale Transformation seiner, damals verfallenen, Gesellschaft setzte schwerpunktmäßig auf das Mittel der Bildung. Die Vernachlässigung von Frauen hätte seiner guten Sache geschadet. Frauen stellten nicht nur einen integralen Teil der Gesellschaft dar, sondern auch einen größeren und solideren. Zudem spielten die Frauen eine Rolle in der Erziehung der Kinder und ihrer Orientierung in der Gesellschaft. Solche, nötigen Veränderungen brauchen zumindest eine Generation, um Wurzeln bilden zu können.

Auch wenn Erziehung und Bildung die Hauptthemen in den Werken von Schaikh Dan Fodio waren, wenn er über Frauenfragen schrieb, so behandelte er in seinen intensiven Debatten auch andere Angelegenheiten. Dazu gehörte die Frage der weiblichen Teilnahme an ­Handel und ähnlichem. Idealerweise, so seine Position, sollten die Bedürfnisse ­einer Frau durch ihren Ehemann oder andere Verwandte befriedigt werden, ­sodass für sie keine Notwendigkeit ­bestünde, auf den Markt zu gehen oder Läden zu sitzen. Wenn es aber niemanden gäbe, der für sie „kauft und verkauft“, ist sie berechtigt, dies selbst zu tun. Es sei aber besser in den Augen ihres Herrn, wenn sie die angemessenen Verhaltensweisen dabei beachten.

Diese Aussage lässt den Schluss zu, dass Schaikh ‘Uthman Dan Fodio mindestens zwei Perspektiven einnahm. Einerseits haben Frauen wie Männer den gleichen Anspruch auf ein anständiges und würdiges Leben – frei von der Demütigung des Bettelns und der Abhängigkeit. ­Tatsächlich habe eine Frau einen größeren Bedarf an wirtschaftlichem Schutz, denn ökonomische Unsicherheit könnte sie zu der Art von Leben zwingen, die nicht nur ihre eigene Integrität untergräbt, sondern auch die eigentlichen ­Fundamente der Gesellschaft. Sollte eine solche Gefahr drohen, dann wird es für zur Pflicht, die Mittel anzustreben, die sie zur Bewahrung ihrer Integrität braucht. Daher wird im Islam betont, dass Frauen ein Mindestwissen über den Handel haben, um sich für alle Even­tualitäten zu wappnen.

Andererseits, hielt der Prophet fest, dass Allah Frauen erlaubt, für ihre Bedürfnisse auszugehen. Was diese Bedürfnisse ausmacht, ist jedoch nicht festgelegt. Daher ist es den Personen, die das Gewissen der Gesellschaft repräsentieren, erlaubt, sie von Zeit zu Zeit zu bestimmen, wie es der Anlass erfordert. Aber natürlich sind einige Bedürfnisse, wie Bildung, Gesundheit und ehrbarer ­Lebensunterhalt so grundlegend, dass sie von niemandem aufgehoben werden können.

Der Text ist dem Buch „The African Caliphate“ des Autors entnommen.

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