Fremdenfeindliche Taten treffen vor allem junge Menschen

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Halle (Saale) –

Es ist Sonntagabend in Magdeburg: Zwei Männer mit Migrationshintergrund sind mit einer jungen Frau unterwegs, sie wollen zu einer Bushaltestelle. Gerade sind sie von Fremden beleidigt worden, sie gehen weiter, nun stehen sie am „Südring“, zusammen mit anderen Wartenden. Dann der Angriff: 25 bis 30 Täter tauchen auf, schlagen auf die Zuwanderer ein. Die beiden erleiden Nasenbrüche und Hämatome. So schildert die Polizei die Szene aus der Landeshauptstadt, vergangenen Sonntag gegen 18 Uhr. Die Opfer sind laut Ermittlern 18 und 28 Jahre alt.

Höhepunkt der fremdenfeindlichen Gewalt war 2015/16

Es ist kein Einzelfall, dass junge Migranten Opfer werden: Fast die Hälfte aller fremdenfeindlichen Straftaten in Sachsen-Anhalt trifft Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Es geht um Delikte wie Volksverhetzung, Körperverletzung und Beleidigung. Neue Zahlen des Landes-Innenministeriums zeigen, dass bei 45 Prozent aller fremdenfeindlichen Taten die Opfer 20 Jahre oder jünger waren. Seit 2014 waren unter den 949 Betroffenen 428 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Zahlen, die das Jahr 2018 bis Ende September einschließen, gibt das Ministerium auf MZ-Anfrage bekannt.

Obwohl die Deliktzahlen seit dem Höchstwert im Jahr 2016 zurückgehen, sagt Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) der MZ: „Das ist kein Grund zur Entwarnung.“ Der Rechtsstaat werde sich „auch weiter gegen jede Form von Straftaten zur Wehr setzen“. Der Gesamttrend der vergangenen Jahre sei aber positiv zu werten: Von 2014 bis 2016 waren die Taten gegen Unter-20-Jährige von 63 auf 104 gestiegen. Aktuell registriert die Polizei eine Abnahme für die Jahre 2017 (98) und 2018 (bislang 73).

Nach Zuzug von Flüchtlingen stieg Zahl fremdenfeindlicher Taten massiv

Der vermehrte Zuzug von Flüchtlingen ging 2015/16 einher mit einer Zunahme fremdenfeindlicher Straftaten. Am häufigsten geht es dabei bis heute um Beleidigung, Volksverhetzung, Körperverletzung und Propagandadelikte wie das Zeigen des Hitlergrußes.

Experten aus der Jugendhilfe und Opferberatung bestätigen aus Erfahrung, dass junge Menschen oft Opfer von Fremdenhass werden. „Alltagsrassismus wird seit dem Flüchtlingszuzug vermehrt toleriert und hingenommen“, sagt Roland Bartnig, Experte vom Vormundschaftsverein „Refugium“ der Caritas für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

„Die Hemmschwelle auch zu Straftaten ist gesunken.“ Das liege unter anderem an der schärfer werdenden politischen Diskussion und vermehrten fremdenfeindlichen Positionen. Es gebe durchaus eine Bereitschaft in der Gesellschaft, Alltagsrassismus zu dulden, so Bartnig.

„Bilder werden zu Taten“, warnt auch Antje Arndt von der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass rassistische Mobilisierung zu mehr fremdenfeindlichen Taten führe. „Chemnitz, Köthen: Das hat Auswirkungen“, sagt Arndt. Von 2015 auf 2016 habe sich die Zahl direkt betroffener Kinder (45) verdreifacht. 2017 seien es 31 Fälle gewesen.

Junge Menschen leider unter der fremdenfeindlichen Rhetorik

„Die Täter können sich offenbar nicht mehr vorstellen: Das könnte auch mein Kind sein“, erklärt Arndt. Schuld sei auch eine teils fremdenfeindliche Rhetorik in der Politik. „Für das verbreitete Bild des kriminellen Ausländers bezahlen junge Menschen mit Platzwunden“, sagt Arndt.

Dabei bezieht sie sich auf Fälle wie diesen aus Halle im Juli: Als zwei 17- und 18-Jährige Afghanen an einer Haltestelle warten, stoppt unvermittelt ein Auto vor ihnen. Ein Mann steigt aus, schlägt mit einer Eisenstange auf beide ein, beleidigt sie rassistisch. Dann flieht er im Auto. Die Opferberatung dokumentiert in ihrer Chronik: Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt.

Es fehlen Schutzräume für junge Migranten

Ronald Bartnig vom „Refugium“-Verein sagt auch, jungen Migranten fehle es zu oft an sozialer Integration. „Wer integriert ist, hat bessere Schutzräume“, sagt er. „Zu viele heranwachsende Migranten sind sich selbst überlassen, auch an den Schulen.“ Sie kämen „mit 18 Jahren aus der Jugendhilfe raus und wissen nicht wohin mit sich“. Ohne strukturierte Tage würden Migranten zu häufig „abhängen“. So würde auch fehlende Einbindung dazu führen, dass sie in Konflikte gerieten und dabei Opfer würden. (mz)

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