Türkische Reporter unterstützen Özil: „Jetzt ist er der türkische Mesut“

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Türken unterstützen Özil: „Früher war er der deutsche Özil – jetzt ist er der türkische Mesut“

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Termin mit „Fanatik“, dem größten Sportmagazin der Türkei, zum Gespräch über Mesut Özil. Noch immer kann hier niemand nachvollziehen, warum dessen Treffen mit Erdogan in Deutschland so ein Riesenthema war. Vielmehr werfen sie dem DFB Rassismus vor und glauben an ungerechte Machenschaften rund um die EM 2024.

In der „Fanatik“-Redaktion im Istanbuler Trump Tower hängen zwei signierte Özil-Trikots: eins von Arsenal, eins von der deutschen Nationalmannschaft.

Der ehemalige Nationalspieler, nach der Weltmeisterschaft in Russland mit riesigem Getöse zurückgetreten, war und ist auch hier ein Thema – nur ganz anders als in Deutschland. Im Interview erklären die beiden Reporter Cagri Dayran und Hatice Yücel, warum – und erheben schwere Vorwürfe.

FOCUS Online: Die Bosse des FC Bayern legten sich zuletzt mit vielen Medien in Deutschland an und kritisierten die Berichterstattung hierzulande. Unter welchen Bedingungen berichten Sie in der Türkei über Sport?

Cagri Dayran: Wenn man als Journalist die Clubs in der Türkei kritisiert, kann es sein, dass sie einem die Akkreditierung für die Spieltags-Reporter entziehen. Das ist hier eine andere Mentalität als in Deutschland. Die Journalisten machen auch kein Geheimnis daraus, wer ihr persönlicher Lieblingsverein ist. Das schreiben sie hier sogar ins Twitter-Profil.

„Für uns war Özil immer unser Spieler“

FOCUS Online: In den letzten Monaten war Mesut Özil in Deutschland das große Thema, der Streit um ihn ging weit über den Fußball hinaus. Sie haben Özil selbst getroffen: Was ist Ihr Eindruck von ihm?

Dayran: Das ist schon mehr als zehn Jahre her, kurz nachdem Özil von Schalke 04 zu Werder Bremen wechselte. Er hatte damals noch einen ganz anderen Haarschnitt, trug dazu zerschnittene Jeans. Ich traf ihn in Istanbul, wir fuhren gemeinsam mit meinem Bruder eine halbe Stunde lang in einem Minibus-Taxi.

FOCUS Online: Was hat Özil Ihnen damals gesagt?

Dayran: Er war wirklich unfassbar schüchtern. Er sprach langsam, aber bedacht. Ich erinnere mich noch, wie er damals sagte: „Ich möchte ein großer Spieler werden und bei einem großen Verein spielen.“ Er ist hier in der Türkei seitdem sehr populär geworden. Als er zu Real Madrid ging, empfanden das die türkischen Fans, als wäre einer von uns dorthin gewechselt, unser Mesut. In den Spielen konnte man ihn manchmal auf türkisch fluchen hören. Für uns war er immer unser Spieler.

„Özil hat aus Deutschland mehr Respekt verdient“

FOCUS Online: Özil spielte aber ein Jahrzehnt lang für Deutschland. Wie beurteilen Sie seinen Rücktritt und seine Gründe dafür?

Dayran: Wir verstehen schon, dass Özil auch deutsch ist, er ist mit Deutschland Weltmeister geworden. Er hat mir gut erklärt, warum er sich für Deutschland entschieden hat: Er ist in Deutschland geboren, das Land hat ihm viel gegeben und bedeutet ihm viel. Außerdem hat ihm Deutschland in den Jugendnationalmannschaften früh Chancen gegeben, das wollte er zurückzahlen. Deshalb hat er aus Deutschland mehr Respekt verdient, als er jetzt bekommt. Für uns ist Özil auch heute noch ein großer Star. Natürlich unterstützen wir ihn weiterhin.

FOCUS Online: Waren die Bilder mit Özil und Präsident Erdogan auch in der Türkei eine große Geschichte?

Dayran: (Denkt lange nach) Sie meinen das Bild aus London? Daran können wir uns gar nicht so gut erinnern.

Hatice Yücel: Für uns war das ganz normal, keine Rede wert. Wir haben eine kleine Nachricht tief im Magazin gedruckt, nicht einmal auf der ersten Seite.

Dayran: Erst als Deutschland bei der WM schlecht war, haben wir wieder über dieses Foto berichtet – weil es in Deutschland ein großes Thema war. Dann haben wir auch über den deutschen Rassismus gegenüber Özil berichtet. Nachdem wir hier in der Türkei gesehen haben, wie hart die Deutschen mit Özil umgegangen sind, haben wir ihn noch viel mehr unterstützt. Vor dem Foto war er der deutsche Özil. Jetzt ist er für uns der türkische Mesut.

„Löw, nicht Özil, ist an dem deutschen WM-Desaster schuld“

FOCUS Online: In seiner Rücktrittserklärung betonte Özil, dass es in seiner Kultur wichtig ist, dass man Autoritätspersonen gegenüber Respekt zeigt. Was sagen Sie dazu?

Dayran: In Deutschland haben doch alle Özil die Schuld für dieses Foto zugeschoben. Das ist sehr unfair. Als Konsequenz hat die Nationalmannschaft nun Özil verloren. Auf dem Feld tritt er ja ähnlich auf wie außerhalb. Er ist nie aggressiv, geht nie so richtig in die Zweikämpfe hinein, legt sich nicht mit den Gegnern an. Nach dem deutschen WM-Desaster wollten die Leute einen Schuldigen finden und haben sich Özil ausgesucht. Ilkay Gündogan war doch auch auf dem Foto! Aber niemand gab ihm die Schuld. Für mich ist Joachim Löw verantwortlich für das WM-Resultat.

FOCUS Online: Haben Sie in der vergangenen Woche von Özils 30. Geburtstag Notiz genommen?

Dayran: Ja, natürlich. Wir alle waren über die Glückwunsche des DFB sehr überrascht. Unsere Schlagzeile auf der ersten Seite lautete: „Erst der Rassismus, dann die Feier.“ Reinhard Grindel und der DFB haben Özil doch nie unterstützt. Was sich außerdem Uli Hoeneß öffentlich geleistet hat mit seinen Kommentaren, war purer Rassismus. Dafür hat ihn in Deutschland niemand angeprangert, das ist ein Unding. Aus Özil wurde ein Politikum gemacht – auch, weil sich der DFB gegen den türkischen Verband für die EM 2024 beworben hatte.

Über die EM-Vergabe 2024: „Fußball und Politik muss man trennen“

FOCUS Online: Wie haben Sie die türkische EM-Bewerbung und die Entscheidung der Uefa für Deutschland empfunden?

Dayran: Wir haben am nächsten Morgen auf unserer Titelseite gefragt: Wie ist es möglich, dass ein Verband so ein Turnier bekommt, der öffentlich rassistisch gegen einen verdienten Spieler auftritt? Es war für uns eine riesige Enttäuschung. Wir haben uns für die EM 2012 gemeinsam mit Griechenland beworben, waren nicht erfolgreich. 2016 hat Frankreich mit einer Stimme Vorsprung gewonnen, was meiner Meinung nach viel damit zu tun hat, dass Michel Platini damals Uefa-Präsident war. Und jetzt wird es wieder Deutschland. Ihr hattet doch schon so viele Heimturniere – wir noch nie.

Yücel: Trotzdem hat die Türkei in der Hinsicht schon Erfahrung: Wir haben die Basketball-WM oder auch die Volleyball-EM ausgerichtet, außerdem das legendäre Champions-League-Finale 2005 zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand.

FOCUS Online: Die Türkei hat sich in weniger als zehn Jahren dreimal um die Ausrichtung der EM beworben – und dreimal verloren. Warum?

Dayran: Wir glauben, dass da viel Politik im Spiel war. Deutschlands Nachbarländer zum Beispiel haben alle für Deutschland gestimmt. 2016 haben wir gegen Frankreich ganz knapp mit 7:8 Stimmen verloren. Jetzt waren es 4:12 Stimmen! Dabei wurden in der Zwischenzeit in der Türkei viele neue Stadien gebaut, die Atmosphäre hier bei Fußballspielen ist einmalig. Auch das Metro-System in Istanbul wurde in den letzten Jahren stark verbessert. Deshalb ergibt das doch alles keinen Sinn. Vielleicht gibt es auch Vorurteile, weil wir nicht in der EU sind und der Islam in der Türkei die Hauptreligion ist. Das ist aber nicht in Ordnung – Fußball und Politik muss man trennen.

Video: Wegen Özil: DFB-Integrationsbeauftragter Cacau offenbart, wie er beleidigt wurde

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