Prozess geben Beamten in Göttingen: Polizist soll Flüchtling auf der Wache attackiert haben

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Nach einer Schlägerei unter Jugendlichen in Göttingen attackiert ein Polizist einen Afghanen. Vor dem Amtsgericht in Göttingen bekennt der Beamte: „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat.“

Wegen Körperverletzung im Amt muss sich seit Donnerstag ein 54-jähriger Polizist vor dem Amtsgericht Göttingen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beamten vor, im August vergangenen Jahres einen afghanischen Staatsangehörigen auf einer Polizeiwache in Göttingen körperlich misshandelt zu haben.

Schlägerei am Waageplatz

Vor dem Vorfall hatte es eine Schlägerei im Bereich des Waageplatzes in Göttingen gegeben, in die auch der afghanische Jugendliche involviert gewesen sein soll. Der Anklage zufolge war zu der Zeit unklar, ob er als Zeuge oder als möglicher Täter einzustufen war. Die Beamten hatten den Jugendlichen dann mit auf die Wache genommen, wo sie ihn zu einem Atemalkoholtest bewegen wollten. Dort soll der Jugendliche provozierend aufgetreten sein. Daraufhin soll ihm der 54-Jährige mit der Hand an den Hals gefasst und mit dem Kopf gegen eine Wand geschlagen haben.

200 Beteiligte

Zu Beginn der Verhandlung räumte der Beamte einen körperlichen Übergriff ein, bestritt allerdings, den Kopf gegen die Wand geschlagen zu haben. Er sei zuvor bei dem Einsatz am Waageplatz dabei gewesen, wo es in den Wochen zuvor bereits mehrfach Auseinandersetzungen mit bis zu 200 Personen gegeben habe. Bei seinem Eintreffen sei dort eine „unüberschaubare Zahl an Personen und Kollegen“ gewesen. Er habe sich dann um einen Verletzten bemüht. Dieser habe ihm berichtet, dass er von einer Person mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen worden, und ihm auch die betreffende Person gezeigt. Nachdem ein anderer Zeuge dies bestätigt habe, hätten seine Kollegen den bezeichneten Mann mit auf die Dienststelle genommen. „Er war für mich einer der Haupttäter und Rädelsführer“, sagte der Angeklagte.

Provokantes Verhalten

Seinen Angaben zufolge soll der Jugendliche sich sehr provokant verhalten und eine Kollegin massiv beleidigt haben. Nach der Ankunft auf der Wache hätten seine Kollegen ein Gerät zum Atemalkoholtest besorgt und wiederholt erklärt, wie es zu bedienen ist.

Der Jugendliche habe mehrfach hineingespuckt und gesagt: „Ich mache hier gar nichts“. Er sei dann hinzugekommen und habe ihn aufgefordert: „Jetzt mach es, sonst hört es hier auf.“ Als der Jugendliche wieder nur gegrinst habe, habe er ihm mit der Hand ins Gesicht fassen wollen: „Ich wollte, dass er aufhört zu grinsen“. Der Jugendliche sei ausgewichen und mit dem Kopf nach hinten gegen die Wand gestoßen, dadurch habe er ihn statt im Gesicht unterhalb des Kinns zu fassen bekommen. Während ein Kollege ihn sofort zurückgerissen habe, sei ihm ein Betreuer des Jugendlichen in den Rücken gesprungen.

Bereitschaftsdienst

Bei dem Betreuer handelt es sich um einen Mitarbeiter eines Bereitschaftsdienstes für minderjährige Flüchtlinge in Südniedersachsen. Die Polizei hatte den 36-Jährigen an dem Abend angerufen und gebeten, den Jugendlichen auf der Wache abzuholen. Seine Schilderung wich deutlich von der Darstellung des Angeklagten ab. Demnach trat der Jugendliche auf der Wache tatsächlich sehr provozierend auf und verhielt sich „wie die Axt im Walde“. Der Angeklagte sei bei den gescheiterten Atemalkoholtests jedoch gar nicht dabei gewesen, sondern erst später dazu gekommen. Der Beamte habe sich vor den Jugendlichen gestellt und diesen aufgefordert zu pusten, ansonsten würde es „klatschen“.

Kopf gegen die Hand

Als der Jugendliche daraufhin gelacht habe, habe der Beamte ihn mit der rechten Hand am Hals gepackt und über den Stuhl an die Wand gezogen. Es sei deutlich zu hören gewesen, wie der Kopf gegen die Wand geknallt sei. Er habe dann sofort interveniert und sich noch gewundert, warum die beiden anderen anwesenden Polizisten nicht eingegriffen hätten.

Untypisches Verhalten

Der angeklagte Polizist, der nach eigenen Angaben 36 Dienstjahre absolviert hat, bezeichnete sein Verhalten als „völlig untypisch“. Auch seine Kollegen seien sehr überrascht gewesen. „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat“, sagte er. (pid)

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