Bönener Konvertitin berichtet, warum sie zum Islam übergetreten ist

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Bönen – Gleichberechtigung, gar Emanzipation, scheint in vielen islamischen Familien noch immer kein Thema zu sein. Dass Frauen diese Rolle freiwillig übernehmen, erscheint aus westlicher Sicht befremdlich. Und doch gibt es Frauen, die sich bewusst für ein Leben im Islam entscheiden, Frauen wie Anna Crescente.

Ihre braunen Augen blicken freundlich und offen, die Hände gestikulieren beim Sprechen. Das ist aber auch schon alles, was die 39-Jährige von sich zeigt. Ihr Gesicht, ihren Hals, die Haare und ihren Körper hat sie mit einem grünen Tuch und einem langen, weiten Mantel verhüllt. „Das gibt mir Sicherheit, ich fühle mich besser geschützt“, erklärt Anna Crescente.

Früher sei sie einmal von einer Gruppe Männer „angemacht“ worden, das möchte sie nie wieder erleben. Die Niqab, den Gesichtsschleier, trage sie daher freiwillig. „Das ist keine Pflicht, der Koran schreibt es nicht vor. Es gibt aber eine Empfehlung. Jede Muslima muss das für sich entscheiden“, sagt sie.

Gesichtsschleier verunsichert viele

Sie weiß, dass sie damit selbst in Bönen mit seiner Zuwanderungsgeschichte auffällt. In Zeiten islamistischen Terrors sind die Menschen nun mal verunsichert, wenn jemand seine starke Religiosität so offen zeigt und sich selbst dagegen „versteckt“. Angst machen möchte die sechsfache Mutter den Menschen mit ihrer Kleidung und ihrer Kopfbedeckung aber auf keinen Fall. „Ich schaue den Leuten immer ins Gesicht und trage auch bewusst kein Schwarz“, erklärt sie.

Wenn Anna Crescente spricht, verrät das leicht gerollte „R“ ihre Herkunft. Sie ist in Bayern, in Franken, aufgewachsen. Eine durch und durch katholische Gegend, ebenso wie die italienische Heimat ihrer Eltern. Sie selbst wuchs natürlich mit dieser Konfession auf. „Ich war sogar Ministrantin, Messdienerin“, erzählt die Muslima. Der regelmäßige Kirchgang war für sie Pflicht, eine lästige allerdings. Später lebte sie in einer diakonischen Einrichtung, dort lernte die Jugendliche sogar noch die evangelische Kirche kennen. „Das war dort alles sehr streng“, stellt sie rückblickend fest. Doch obwohl sie sich intensiv mit der christlichen Religion auseinandersetzen musste, bekam Anna Crescente keine Antworten auf die Fragen, die sie damals bewegten.

Mit 17 Jahren den späteren Ehemann kennengelernt

Das änderte sich, als sie mit 17 Jahren ihren Mann kennenlernte, einen muslimischen Türken. „Er hat mir eigentlich gar nicht so viel über den Islam erzählt“, erinnert sie sich. Durch ihn machte sie aber Bekanntschaft mit einem jungen Bosnier. Ihr späterer Mann hatte sie in den Jugendraum einer Moschee mitgenommen, wo sie den streng gläubigen Moslem begegnete. Er berichtete von all den Wundern, die im Koran beschrieben werden. Er erzählte voller Stolz von der islamisch-osmanischen Geschichte und beeindruckte die junge Frau durch seine tiefe Religiosität. Und er beantwortete all ihre Fragen, die sie sich in Bezug auf ihr Leben gestellt hatte.

„Ich war bis dahin so ein richtiger Partytyp, bin auch in Discos gegangen.“ Erfüllt habe sie das nicht. Erst durch den Bosnier entdeckte sie für sich den Sinn ihres Lebens, so die gelernte Kinderpflegerin. Ein halbes Jahr später trat sie zum Islam über.

Heute, 22 Jahre später, wirkt Anna Crescente ausgeglichen und selbstbewusst. Sie entspricht so gar nicht dem Bild einer unterdrückten, von einer Männerherrschaft eingeschüchterten Frau. Im Gegenteil. Es ist deutlich zu spüren, wie stark sie sich mit dem Islam identifiziert, wie sehr sie sich mit den Regeln und Gesetzen beschäftigt hat. Sie spricht offenbar häufig über ihren Glauben, wirbt für ihre Religion. Sie hält sogar Vorträge – auch vor Nicht-Muslimen.

Zahlreiche Konvertiten leben in Bönen

Ihr Übertritt hat an dem guten Verhältnis zu ihren Eltern nichts geändert, erzählt die ehemalige Schweinfurterin. „Ich war jetzt sogar bei meiner Familie in Italien, und auch sie hat mich so akzeptiert, wie ich bin – mit Gesichtsschleier und allem drum und dran.“ Ihren Bruder hat Anna Crescente zum Islam gebracht, ihr Schwager, ein Russe, ist ebenfalls konvertiert. In Bönen gebe es zahlreiche Konvertiten, weiß die 39-Jährige. Mit vielen ist sie befreundet, wie etwa mit Isabella Yirmibes, einer gebürtigen Polin. „Wir kennen uns, seit dem ich vor 14 Jahren nach Bönen gekommen bin“, erzählt Anna Crescente.

Mit ihr und anderen Frauen trifft sie sich in der Ayasofya Camii, in der Moschee der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (siehe Kasten) an der Bahnhofstraße. Dort verbringen Anna Crescente, ihr Mann und ihre Kinder den größten Teil ihrer Freizeit. „Das ist das Schöne daran, dass wir einfach so hierherkommen, um uns zu treffen – ganz ohne Zwang“, betont sie.

Zum Hintergrund: Millî Görüs – Die nationale Sicht

Der Verfassungsschutz beobachtet seit geraumer Zeit die Millî-Görüs-Bewegung. Das geht aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes NRW über das Jahr 2017 hervor. Demnach stuft das Ministerium Millî Görüs als verfassungsfeindlich ein.

In dem Bericht heißt es: „Die Umsetzung des „Adil-Düzen“ (Gerechte Ordnung)-Konzepts als Ziel der politischen Bewegung Milli Görüs ist mit den Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar. Darüber hinaus treten antisemitische Einstellungen sowohl in „Adil Düzen“ als auch bei Äußerungen Necmettin Erbakans und einiger Milli-Görüs-Funktionäre deutlich zu Tage.“

Die Wurzeln der Bewegung gehen auf die Ideen des 2011 verstorbenen türkischen Politikers Dr. Necmettin Erbakan zurück. Kerngedanken sind die Begriffe „Milli Görüs“ (Nationale Sicht) und „Adil Düzen“ (Gerechte Ordnung). Nach Erbakan ist die Welt in die auf dem Wort Gottes fußende religiös-islamische gerechte Ordnung (Adil Düzen) und in die von Menschen entworfene westliche Ordnung mit Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung (Batil Düzen – Nichtige Ordnung) geteilt. Diese Zweiteilung soll nach Erbakan überwunden und die westliche durch die „gerechte Ordnung“ ersetzt werden.

Laut NRW-Innenministerium hatte die Millî-Görüs-Bewegung 2017 rund 250 Mitglieder, Anhänger und Unterstützer in NRW. Die Bönener Gemeinschaft zählt nach eigenen Angaben zurzeit rund 100 Mitglieder. 70 Kinder und Jugendliche werden in der Koranschule unterrichtet.

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