Tag der offenen Moschee in Melsungen: Über Erdogan und den Terror

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Melsungen. Für den 3. Oktober, den Tag der deutschen Einheit, hatte  die Melsunger türkisch-islamische Gemeinde Ditib zu einem Tag der offenen Tür in ihre Moschee eingeladen.

Unscheinbar im Haus Kasseler Straße 64 integriert, konnten sich die Besucher die Räumlichkeiten ansehen und mit Vertretern der Moscheegemeinde sprechen. „Religiosität – individuell, natürlich, normal“ unter diesem Motto gab es Gelegenheit zur Besichtigung und zum interreligiösen Dialog.

Lange Gespräche mit Gästen

Diese Gelegenheit nahmen allerdings nur wenige Besucher wahr: Laut Imam Muammer Kurt waren insgesamt etwa zwölf Besucher da, davon nur fünf Deutsche. „Das war natürlich sehr wenig“, räumt er ein, „ich hoffe, dass nächstes Jahr mehr Menschen kommen.“ Dafür habe er aber viel Zeit gehabt, sich mit den Besuchern auszutauschen: „Wir haben zwei bis drei Stunden lang geredet.“ Während des Besuchs des HNA-Mitarbeiters in der Moschee waren keine anderen Gäste anwesend. Emrullah Kara, ein Sprecher der Ditib-Gemeinde, sagte im Nachhinein gegenüber der HNA, man habe wohl zu wenig Werbung für die Veranstaltung gemacht.

Die Melsunger Moschee hat im Prinzip alles, was auch größere Moscheen ausmacht: getrennte Gebetsräume für Männer und Frauen, einen Waschraum für die rituellen Waschungen, das Büro des Imams und im Erdgeschoss ein Café, das jeweils an Wochenenden von 13 bis 17 Uhr für jedermann und -frau geöffnet hat.

Melsungen hat etwa seit 1990 eine Moschee, die den gut 100 Mitgliedern der türkisch-islamischen Gemeinde als Gebets- und Versammlungsort dient. Auch Koranunterricht wird für etwa 20 Jungen und Mädchen im Alter von 6 bis 14 Jahren angeboten, allerdings nur an Wochenenden und Feiertagen.

Der Koranunterricht umfasst das arabische Lesen, die Kenntnis und Deutung des Korans. Die Mitglieder der Melsunger Ditib-Gemeinde sind überwiegend Türken, auch einige Deutsche mit türkischen Wurzeln gehören ihr an. Andere Nationalitäten findet man unter den Mitgliedern nicht.

„Zum Freitagsgebet kommen alle Menschen, die sich zum Islam bekennen“, sagt Imam Muammer Kurt, der seit Januar dieses Jahres die Geschicke der Melsunger Moschee leitet. „Das Freitagsgebet ist sehr wichtig für die Gläubigen, es muss wie die Festtagsgebete in Gemeinschaft gebetet werden.“ Die täglichen Gebete dagegen würden nur von sehr wenigen Menschen wahrgenommen.

Imam Kurt ist religiösen und gesellschaftlichen Fragen gegenüber ein offener Gesprächspartner, der alle Interessierten zum Besuch und zum interreligiösen Gespräch in seine Moschee an die Kasseler Straße einlädt.

Der Melsunger Imam Muammer Kurt äußert sich nur vage zu kritischen Punkten

Der größte deutsche Islamverband Ditib ist zuletzt häufig in die Negativ-Schlagzeilen geraten. Ditib wird zu viel Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen. Auch wegen Antisemitismus stand Ditib in der Kritik – im Internet hatte unter anderem auch die Melsunger Gemeinde judenfeindliche Zitate veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund sprachen wir mit dem Melsunger Imam Muammer Kurt.

Erdogan und die Türkei 

Als Angestellter der muslimischen Religionsgemeinschaft Ditib, die der türkischen Religionsbehörde in Ankara unterstellt ist und manchen als verlängerter Arm Erdogans in Deutschland gilt, sieht Kurt keine Probleme, mit der Politik Erdogans in Konflikt zu kommen. „Erdogan ist für alle Türken ein wichtiger Mann“, sagt Kurt, „aber seine Politik spielt in der Melsunger Moschee keine Rolle. Das Reden über Politik ist in der Moschee verboten. Wir reden hier nur über die Religion, den Islam und über Alltagsfragen.“

Christentum 

Imam Kurt, der auch die Bibel gut kennt, sieht in Jesus einen wichtigen Propheten und betont ausdrücklich die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden monotheistischen (Ein Gott-) Religionen Christentum und Islam. An der Universität Kassel promoviert Kurt am Fachbereich Evangelische Theologie. „Ich möchte auch etwas über die anderen Weltreligionen lernen“, sagt er. In der Türkei habe er bereits viele Bücher über das Christentum gelesen – nun aber sei es ihm wichtig, diese Religion auch aus christlicher Sicht betrachten zu können.

Deutschland „Wir möchten mit den Deutschen in Frieden leben“, sagt Kurt. „Ich mag Deutschland. Ich sage manchmal, dass Deutschland meine zweite Heimat ist – ich habe hier fast 20 Jahre gelebt.“

Antisemitismus 

Von den Antisemitimus-Vorwürfen gegen die Melsunger Ditib-Gemeinde habe er gehört, sagt Kurt. Der Vorfall ereignete sich 2015, also einige Jahre bevor er als Imam nach Melsungen kam. Es sei falsch gewesen, diese Zitate ins Internet zu stellen, sagt er. „Wir möchten mit allen Religionsträgern in Frieden leben.“ Als er früher in Deutschland lebte, habe er auch jüdische Freunde gehabt, betont er. „Was in Israel passiert, ist eine politische Sache.“ 

Islamistischer Terror 

„Der Islam verbietet Gewalt“, stellt Kurt klar. „Im Koran steht: Wer einen Mann tötet, tötet alle Menschen.“ Die IS-Kämpfer seien keine Muslime, denn: „Ein frommer Muslim kann nicht töten.“ Die IS-Kämpfer hätten nur Muslime getötet, sagt Kurt. Auf den Einwand hin, dass sich der IS beispielsweise auch zu den Terroranschlägen in Paris bekannt hatte, erwidert Kurt: „Die Anschläge in Paris waren natürlich sehr schlimm. Aber was Paris einmal erlebt hat, erleben die Menschen in Ländern wie Syrien jeden Tag.“

Gewalt gegen Frauen

 „Unser Prophet ist unser Vorbild. Er hat seine Frau nie geschlagen“, sagt der Melsunger Imam. „Gewalt gegen Frauen kommt nicht aus dem Islam.“ Auf die Rückfrage, wie er sich dann erkläre, dass es gerade in muslimisch geprägten Ländern wie etwa Saudi-Arabien schlecht um die Frauenrechte stehe, sagt Kurt: „Das ist keine Frage des Islam, sondern der Traditionen.“ Wenn ein Deutscher einer Frau Gewalt antue, bringe das niemand mit dessen Religion in Zusammenhang – bei einem Muslim hingegen gebe man dem Islam die Schuld. „Wenn ein Muslim etwas Schlechtes macht, heißt das nicht, dass alle Muslime schlecht sind.“ Ob Gewalt gegen Frauen Thema in der Melsunger Ditib-Gemeinde sei? Ja, sagt Kurt: „Ich predige nicht nur über Religion, sondern auch über gesellschaftliche Probleme.“ 

Zur Person

Muammer Kurt (45) ist seit Januar 2018 Islamischer Beauftragter, also Imam, der Ditib-Gemeinde in Melsungen. Dieses Amt übt er fünf Jahre lang aus – 2023 wird er wieder in die Türkei zurückkehren, wo er zuvor als Prediger tätig war. Kurt kennt Deutschland seit frühester Kindheit: Sein Vater war als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Muammer Kurt wurde in Hattingen (Nordrhein-Westfalen) geboren und lebte dort bis zu seinem zwölften Lebensjahr. Dann kehrte er in die Türkei zurück, beendete die Schule und studierte in Istanbul Islamwissenschaft. Später kehrte Kurt nach Deutschland zurück, war Imam in Celle (Niedersachsen) und Rüsselsheim (Hessen). Kurt ist verheiratet und hat zwei Kinder. 



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