Alexia Weiss – Religion ist Elternentscheidung

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Verbotsdiskussionen, die sich um religiöse Symbole drehen, laufen stets in verschiedene, aber immer vorhersehbare Richtungen. Wenn es um das Kopftuch von Muslimas geht, ist rasch der Begriff Integration zur Hand. Wird dann moniert, dass hier zu Lande nach dem Gleichheitsgrundsatz vorgegangen werden muss, bringt das die Kippa jüdischer Buben oder das Tuch/den Turban von Sikh-Jungen in die Debatte mit ein. Und dann ist bald das Argument zur Hand, es sei nicht gut, dass Eltern kleine Kinder quasi indoktrinieren. Es müssten also alle religiösen Symbole weg.

So ist wohl auch die kürzlich von den NEOS formulierte Forderung für eine Schule ohne religiöse Kleidung für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren zu verstehen, wenn Parteichefin Beate Meinl-Reisinger sagt, Kinder sollten in einem „religionsfreien Raum“ aufwachsen können, um dann „eine freie Entscheidung oder freiere Entscheidung treffen“ zu können. Für eine Religion solle man sich also erst im Erwachsenenalter entscheiden, so das hier herauszulesende Fazit.

Dazu ist einerseits zu sagen: Es sind die Eltern, die ihre Kinder erziehen. Der Staat hat über die schulische Bildung und Ausbildung zwar auch einen großen Anteil an der Entwicklung eines Kindes. Aber es sind doch die Eltern, die die Richtung vorgeben, wie ihre Söhne und Töchter aufwachsen sollen, welche Werte sie ihnen mitgeben.

Es sind die Eltern, die entscheiden, zu welchem Arzt oder welcher Ärztin sie ein Kind bringen und damit, ob sie etwa schul- oder alternativmedizinisch behandelt werden, es sind die Eltern, die entscheiden, ob das Kind geimpft wird oder nicht, ob Ohrlöcher gestochen werden, ob und wie Haare geschnitten werden, wie das Kind angezogen ist und welche Freunde es zu sich nach Hause einladen darf. Es sind die Eltern, die entscheiden, was ein Kind isst oder nicht isst, welches Spielzeug sie für ihr Kind als geeignet erachten, wieviele Stunden es vor dem Fernseher, Computer, Tablet verbringen darf und welche Sportart es in jungen Jahren erlernt.

Religionsfreiheit ist Verfassungsrecht

Und es sind eben auch die Eltern, die entscheiden, mit welcher Religion und wie religiös ein Kind aufwächst. In Österreich gilt zudem verfassungsrechtlich verankerte Religionsfreiheit. Jeder und jede darf die Religion leben, in der er oder sie aufgewachsen ist. Und ja, auch die Religion, für die er sich im Erwachsenenalter entschieden hat. Doch seien wir ehrlich: Es gibt überzeugte Konvertiten und Konvertitinnen. Menschen, die den Weg zu Gott als Erwachsene finden, sind aber in der Minderzahl.

Herkömmlicherweise werden Menschen im Kindesalter mit Religion groß. Und egal, ob es sich um Christen, um Muslime, um Juden, Buddhisten oder Angehörige welcher Religion auch immer handelt: Es gibt in jeder Religion Unterschiede, wie Familien den Glauben in ihren Alltag integrieren. Auch das ist eine Entscheidung der Eltern.

Es gibt christliche Familien, die vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet sprechen, in denen es selbstverständlich ist, regelmäßig in die Messe und auch zur Beichte zu gehen, in denen freitags stets Fisch auf den Tisch kommt. Und es gibt christliche Familien, die nur zu Weihnachten und zu Taufen und Hochzeiten in die Kirche gehen, aber jeden Abend mit ihren Kindern ein Nachtgebet sprechen. Und es gibt die völlig säkular lebenden Familien, die dennoch nicht aus der Kirche austreten, weil die Eltern sich doch nicht ganz sicher sind, ob es Gott nicht doch gibt.

Auch in jüdischen Familien gibt es verschiedenste Lebensmodelle – von streng observant (und immerhin gibt es da 613 Ge- und Verbote zu befolgen) bis zu jenen, die nicht einmal zu den Hohen Feiertagen den Weg in die Synagoge finden. Oder wenn sie es tun, das eher als soziales Event sehen denn tatsächlich zu beten. Aber wie Religion gelebt wird, ist eine individuelle Entscheidung. Grundsätzlich muss – wenn ein Staat Religionsfreiheit ernst meint – jeder, der einer Religionsgemeinschaft angehört, Religion so leben können, wie es die Regeln der jeweiligen Religion vorgeben. Im Judentum ist etwa eine Kopfbedeckung für Buben und Männer vorgesehen. Bei Sikhs tragen Buben und Männer Tuch beziehungsweise Turban. Im Islam tragen Frauen Kopftuch und in welchem Alter Mädchen mit dem Verhüllen des Haares beginnen, hat Elternentscheidung zu bleiben.

Schlagworte Integration und Aufklärung

In jedem Diskurs, der sich um das Verbot von religiösen Symbolen dreht, werden gerne säkular Lebende einer Religionsgemeinschaft vor den Vorhang geholt. Sie sind dann Musterbeispiele für Modernität und Aufgeklärtheit, für Integration und Angepasstheit. Kinder, die religiös aufwachsen, haben die Möglichkeit, irgendwann zu rebellieren und dann im Erwachsenenalter tatsächlich zu entscheiden, wie religiös oder nicht religiös sie leben möchten. Wer aber völlig ohne Religion groß wird, der hat die Selbstverständlichkeit von Ritualen nicht erlebt, die eben nicht nur als rigide empfunden werden können, sondern als etwas, was Halt gibt.

Es gibt immer wieder Momente in meinem Leben, in denen ich wirklich gläubige Menschen um ihren Glauben beneide. Es sind dann so genannte Lebenseinschnitte, die schwere Erkrankung, der Verlust eines Kindes, die, so scheint es mir, leichter ertragen werden können, wenn man sicher ist, dass es nach dem Tod noch etwas gibt. Dass es einen Gott gibt, der einen Plan für einen hat. Dass der Tod nicht das Ende ist – alleine das nimmt dem Tod den Schrecken. Und wer mit dieser Sicherheit nicht aufgewachsen ist, dem wird es sehr schwer fallen, sich dieses Gefühl als Erwachsener selbst zu erarbeiten. Wissen ist Wissen, Emotionen von Kindheitstagen an, sie sind unwiederbringlich. Religion mag von manchen als Begrenzung empfunden werden – vielen Menschen gibt sie aber, gerade in Krisensituationen, Leichtigkeit.

Wenn der Staat das Tragen religiöser Bekleidungsstücke in der Schule verbietet, dann greift er meines Erachtens in das verfassungsrechtlich verankerte Prinzip der Religionsfreiheit ein. Und wenn er dies nur tut, um das Symbol einer Religion zu verbannen (und dabei als Kollateralschaden wegen des Gleichheitsgrundsatzes das Verbot von Symbolen aller Glaubensgemeinschaften in Kauf nimmt), bewegt er sich zusätzlich auf dünnem Eis.

In diesem Land wurden vor vielen Jahrzehnten Angehörige einer Religionsgemeinschaft zu Angehörigen einer unerwünschten Rasse gestempelt und Gesetze beschlossen, die ihre Vertreibung und schließlich auch Ermordung legitimierten. Nun wird mit Integration und Kindeswohl argumentiert, wenn Verbote in Gesetze gegossen werden sollen. Aber sieht man sich die vielen islamfeindlichen Äußerungen vor allem der FPÖ nur in den vergangenen Wochen an, dann beschleicht einen ein unangenehmes Gefühl. Worum geht es wirklich? Um die Kinder? Oder um die weitere Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe? Und wie soll das weitergehen? Was kommt nach dem Verbot des Kopftuchs für muslimische Mädchen in der Volksschule?

Double standards

Wie kann man sich als emanzipierte Frau gegen ein Kopftuchverbot für Mädchen aussprechen? Weil hier double standards zum Tragen kommen. Familien leben verschiedene Werte, aber welche Werte sie leben, muss ihre Entscheidung sein. Ich kann Eltern nicht vorschreiben, auf gendergerechtes Spielzeug zu schauen. Ich kann Eltern nicht zwingen, ihre Töchter ebenso zu Bildung zu motivieren wie ihre Söhne. Genauso wenig kann ich Eltern dazu verpflichten, ihren Kindern erst ab dem Volksschulalter einen Zugang zu einem Handy zu ermöglichen oder ihnen vor ihrem dritten Geburtstag nichts Zuckerhältiges zu essen zu geben.

Der Staat kann in das Familienleben nur eingreifen, wenn das Kindeswohl in Gefahr ist – wie im Fall von Gewalt oder Missbrauch. Es wäre gut, wenn es so bleibt und nicht an der Religionsfreiheit gekratzt wird, um eigentlich Ressentiments gegen eine Gruppe zu schüren. Wie Integration funktionieren kann, dazu gibt es viele Konzepte von Expertinnen und Experten. Bildung spielt dabei eine große Rolle. Ja, wir sind dann wieder beim Thema Schule und damit dem Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion. Allerdings sehen diese Konzepte eher den Umbau des Unterrichtens und von Schule an sich vor denn das Verbannen eines Kleidungsstücks. Denn ob nun Mädchen mit oder ohne Kopftuch im Klassenzimmer sitzen, es wird sich Schule nur durch diese Maßnahmen um keinen Millimeter besser auf den Umstand einstellen, dass es einer anderen Pädagogik bedarf, wenn ich Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, unterrichte. Oder Kinder, deren Eltern sie nicht unterstützen können. Chancengleichheit ist das Thema – übrigens seit Jahrzehnten.

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