Nicht jede Kritik ist gleich rassistisch – Startseite

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Wie gelingt Integration? Diese Frage stellt sich Renata Alt nicht erst seit der Özil-Debatte. Sie hatte sich schließlich selbst zu integrieren, als sie 1992 nach Deutschland kam – aus der Tschechoslowakei, einem Staat, der sich im Folgejahr auflösen sollte. Sie hätte es so machen können wie ihre Kollegen im Generalkonsulat in München: „Die haben sich immer nur untereinander getroffen.“ Ihr selbst sei es aber wichtig gewesen, einen Zugang zur Mehrheitsgesellschaft zu finden – „egal wie lange ich bleibe“. Anfangs war sie von maximal fünf Jahren ausgegangen. Dann aber hat sie in Deutschland ihren Mann kennengelernt und ist geblieben.

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Von heute auf morgen hat sich ihre Situation verändert: „Man genießt Privilegien durch den Diplomatenpass. Aber als ich den Dienst quittiert hatte, war ich derselbe Ausländer wie alle anderen.“ Sie erinnert sich an Situationen, die ihr völlig unbekannt waren: „Ich saß dann mit allen anderen Migranten im Ausländeramt und wartete, bis ich an der Reihe war.“ Inzwischen hat sich ihre Situation abermals grundlegend geändert: „Heute sitze ich im Bundestag. Auch so ein Weg ist möglich.“

Die Kirchheimer FDP-Abgeordnete ist eigentlich ein Musterbeispiel für Integration. Vielleicht ist „Integration“ bei ihr sogar das falsche Wort. Zumindest Klaus Kinkel hat das so angedeutet. „Der hat mal zu mir gesagt: ,Sie sind nicht mehr integriert, Sie sind schon assimiliert‘.“ Das zeigt sich auch daran, wie Renata Alt mit dem Begriff „Heimat“ umgeht: „Meine Heimat ist Deutschland. Hier fühle ich mich wohl.“ Und die Slowakei? „Dort lebt meine Familie, dort sind meine Wurzeln.“

Spannend findet sie es auch, wenn sie in Berlin gefragt wird, wo sie herkommt. Wenn sie dann „aus der Slowakei“ sagt, heißt es oft: „Nein, nein, ich meine, welchen Wahlkreis vertreten Sie?“ Der umgekehrte Fall ist genauso häufig: „Wenn ich sage, aus Baden-Württemberg, kommt die Nachfrage, wo ich ursprünglich herkomme.“ Dabei ist sich Renata Alt durchaus bewusst, dass die Situation nicht für alle Migranten dieselbe ist. Bei ihr ist es so, dass man ihr nicht ansieht, dass sie nicht in Deutschland aufgewachsen ist. Erst, wenn sie etwas sagt, hört man es am Akzent.

Sprache hält sie für den einen wesentlichen Grundpfeiler der Integration, der andere ist die Arbeit. Hinzu kommen Freizeitbeschäftigungen: „Auch über Sport und Kultur habe ich den Zugang zur Gesellschaft gesucht.“ Letzteres betrachtet sie als Aufgabe derjenigen, die in einem anderen Land leben möchten: „Es braucht den Willen zur Integration.“ Sie selbst hat diesen Willen immer gehabt, mitunter sogar einen übersteigerten Willen: „Ich habe das Gefühl, ich muss mehr leisten als andere, damit ich in der Gesellschaft akzeptiert und anerkannt werde. Das ist vielleicht falsch, aber es ist mein subjektives Gefühl.“

Mit subjektiven Gefühlen erklärt sie sich auch den Grund für den großen Nachhall der Özil-Debatte: „Für viele geht es da um mehr als um einen einzelnen Fußballer mit Migrationshintergrund. Da fühlen sich dann plötzlich auch Kroaten oder Rumänen angesprochen – eben als Migranten.“

Dabei unterscheidet Renata Alt ganz klar zwischen den Erdogan-Fotos und dem Rassismus-Vorwurf. Zu den Fotos sagt sie: „Schade, dass sie ohne ein kritisches Wort veröffentlicht wurden. Wer den Präsidenten ohne die geringste Kritik anerkennt, akzeptiert auch automatisch sein gesamtes Regierungshandeln.“ Das sei unter anderem deshalb problematisch, weil sich die gesamte westliche Welt darüber empört, dass in der Türkei so viele Journalisten inhaftiert sind.

Auch Mesut Özils aktuelle Haltung kommentiert Renata Alt: „Dass er sich hinterher als Opfer darstellt, das wegen eines Fotos angegriffen wird, hat mich gewundert.“ Wenn er Erfahrungen mit Rassismus gesammelt hat, sei das auf jeden Fall ein Thema: „Selbstverständlich ist Rassismus zu verurteilen.“ Es sei aber auch eine Frage der Definition: „Kritik an der individuellen Leistung ist nicht sofort mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen.“ Ohnehin müsse eine Person der Öffentlichkeit lernen, sich Kritik nicht immer so sehr zu Herzen zu nehmen.

In der Politik gehe es darum, unangenehme Fragen nicht zu vermeiden: „Auch das hat mit Respekt vor dem Gesprächspartner zu tun. Dadurch kann ich etwas aufklären, ein Problem lösen oder etwas zur Verbesserung der Beziehungen beitragen.“ Kritik sollte – wie die Integration – nicht als Einbahnstraße verstanden werden: „Da ist das Individuum genauso gefordert wie die Gesamtgesellschaft. Wenn Integration gelingen soll, müssen wir darauf hinarbeiten, dass sie als gegenseitige Bereicherung betrachtet wird – und nicht als gegenseitige Belastung und Belästigung.“



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