Wie Hassan Ly in Spanien landete | ZEIT ONLINE

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Er will nicht glauben, dass sie ihn womöglich zurückschicken und vielleicht alles umsonst war. Hassan Ly steht vor dem Eingang der Pension Zagora in der Altstadt der südspanischen Hafenstadt Algeciras und tippt auf seinem Handy.

Er schreibt seiner Familie und seinen Freunden zu Hause in Guinea, die sich um ihn sorgen. Der fast zwei Meter große schlanke Mann trägt ein Trikot der spanischen Fußball-Nationalmannschaft. Als wolle er damit seinen Willen untermauern, in diesem Land eine Zukunft zu suchen, die er in seiner Heimat nicht mehr sah.

18 Jahre sei er alt, erzählt er. Seine Angaben sind nicht zu überprüfen, er hat seinen Pass nicht mit nach Europa genommen. Doch die Geschichte von Ly klingt plausibel, sie ist frei von Widersprüchen. 24.000 Neuankömmlinge aus Afrika verzeichnen die spanischen Behörden allein in diesem Jahr. Viele haben wohl eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Fast immer geht es um die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch was genau heißt das?

2.500 Euro für die Überfahrt

Zu Hause, in Guineas Hauptstadt Conakry, habe er Journalismus gelernt, erzählt Hassan Ly. Er zeigt Fotos von sich in Anzug und Krawatte, wie er im Hörfunkstudio der Uni eine Sendung moderiert. Und ein anderes, das ihn im Juni an Bord eines Schlauchboots in der Straße von Gibraltar zeigt. Das hat die Seenotrettung gemacht, bevor sie ihn und 53 andere Migranten aufnahm und an Land brachte.

Das war am 23. Juni. Ly hat alle Daten genau im Kopf. Die überstürzte Abreise am 14. März aus Conakry, die Flucht zuerst ins Landesinnere und weiter nach Mali, wo eine Tante in der Hauptstadt Bamako lebt. Dann über Senegal, Mauretanien und die Westsahara hoch in die marokkanische Hafenstadt Tanger, wo er die Schlepper für die letzte Etappe nach Europa bezahlte. 2.500 Euro kostete ihn nach eigenen Angaben die Überfahrt nach Europa, in Guinea ist das eine Menge Geld.

Hassan Ly in einer Radiostation
© privat

Was Ly über die marokkanischen Behörden erzählt, stützt die Vermutungen, die seit Wochen in Spanien kursieren: Eigentlich erhält der marokkanische Staat Geld von der EU, um Migranten den Weg nach Europa zu versperren. Doch dann nehmen Polizisten dort Bestechungsgeld, um sie doch passieren zu lassen. „Kein Afrikaner gelangt nach Marokko und dann weiter nach Europa, ohne die dortigen Behörden zu schmieren“, sagt Ly.

Er hat seine Schlepper mit Fragen gelöchert, wie es wohl kaum ein Flüchtling tut. Warum die Migranten überall bezahlen müssen, warum die illegalen Flüchtlingsboote mitten in den marokkanischen Hafenstädten losfahren können, ohne dass es Probleme gibt. Er hat auch Antworten bekommen. „Ich will eben Journalist werden“, sagt er und grinst. Am liebsten hätte er seine Überfahrt gefilmt, doch das hat er dann gelassen, weil er keinen Ärger haben wollte.

Ein Mitarbeiter einer spanischen Hilfsorganisation kommt hinzu und bestätigt Lys Beobachtungen: „Wann immer es in den vergangenen Jahren Stress gab zwischen der EU und Marokko, zum Beispiel wegen der Fischereirechte in der von Marokko okkupierten Westsahara, merkten wir das hier sofort an der Zahl der ankommenden Flüchtlinge.“ Eine Sprecherin der linksgerichteten spanischen Partei Podemos beschuldigte Marokko am Sonntag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Europa Press der „Erpressung“.

Geld wollten vorher auch andere von Ly. „In Mali gab es Straßensperren alle paar Hundert Meter und jedes Mal haben die Uniformierten dort die Hand aufgehalten.“ In Marokko sei ihnen besonders viel abgeknöpft worden. Immerhin, die Flüchtlinge konnten in der Hafenstadt Tanger in Boote Richtung Spanien steigen. Das war in den vergangenen Jahren praktisch unmöglich. 

Wegen der strengen Überwachung der Küste, für die die EU Geld, technisches Equipment und Schulungspersonal nach Marokko schickte, waren die Migranten immer weiter nach Süden ausgewichen. Bis schließlich der Weg über Libyen nach Italien als der sicherere Fluchtweg erschien. Nicht für Ly: „Ich hatte zu viel Schlechtes über die Situation der Flüchtlinge in Libyen gehört und gelesen.“

Schlepper brachten ihn und die anderen Passagiere in der Nacht ans Ufer. Um fünf Uhr morgens legten wir ab“, erzählt Ly. „Marokkanische Polizisten standen daneben und trieben uns zur Eile an, weil ihre Schicht bald enden würde. Dann würden andere Kollegen kommen, die wir nicht bezahlt hatten.“



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