Flüchtling: „Muslime bedrohen mich, weil ich nicht an Allah glaube – deshalb spreche ich mit den Tätern“

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Sven Geissle / Amed Sherwan
„Auch in Deutschland habe ich Morddrohungen bekommen.“

Amed Sherwan ist als 15-Jähriger aus dem Irak nach Deutschland geflohen. In seiner Heimat wurde er inhaftiert und gefoltert, weil er nicht an Gott glaubt. Sein Vater hatte ihn angezeigt.

Auch in Deutschland wurde Sherwan mit dem Tod bedroht. In diesem Blog erzählt er, warum er mit den Tätern spricht.

Morddrohungen gehören traurigerweise seit Langem zu meinem Leben. Meistens lerne ich die Menschen, die mir den Tod wünschen, nicht persönlich kennen. Damals im Irak hatte ich furchtbare Angst vor ihnen und habe natürlich jeden Kontakt vermieden.

In Deutschland habe ich auch einige Morddrohungen von Menschen bekommen, denen ich persönlich begegnet bin – wie beispielsweise in einer Flüchtlingshilfe in Flensburg. Aber ich konnte nie mit diesen Menschen darüber sprechen, was ihren Hass ausgelöst hat. Doch seit Kurzem ist es anders.

Gangster-Rap und Familientradition

Nach meiner Aktion für Vielfalt unter der Überschrift “Allah is Gay“ haben mich zahlreiche Hass-Mails erreicht, davon manche mit so konkreten Drohungen, dass ich die Absender angezeigt habe.

Einige von diesen Leuten haben mich seither persönlich kontaktiert und sich entschuldigt. Natürlich ist mir völlig klar, dass es ihnen wohl vor allem darum geht, eine Strafe abzuwenden. Trotzdem habe ich dabei wirklich gute Gespräche erlebt.

Die Leute, die mich angesprochen haben, sind alle jung, männlich, in Deutschland geboren und aufgewachsen und haben wenig Ahnung vom politischen Islam. Ihre Erfahrungen mit dem Islam beschränken sich auf ein bisschen Familientradition und Gangster-Rap.

Mehr zum Thema: Grundschülerin in Berlin mit dem Tod bedroht, weil sie nicht an Allah glaubt

Mein Eindruck ist, dass sie sich nie näher mit meiner Aktion beschäftigt haben, sie haben einfach auf bestimmte Reizwörter reagiert und ihren Hass so rausgehauen, wie sie es für richtig halten.

Sie wissen nicht, was sie tun

Sie sehen es als ihre Pflicht an, sich als aufrechte Muslime gegen jede Islamkritik stark zu machen. Und sie nutzen das Vokabular, dass sie aus ihrer Musik kennen.

Aber wenn ich mit ihnen rede, habe ich das Gefühl, dass sie fast noch Kinder sind. Sie lassen sich instrumentalisieren und spielen mit Worten und Begriffen, die sie eigentlich gar nicht kennen.

Sie haben gar keine Ahnung davon, was es heißt, in einer Welt zu leben, in der keine Freiheit herrscht und Religion ein Machtinstrument ist.

Alle, die mich angesprochen haben, sind betroffen davon, was die Drohungen in mir ausgelöst haben.

Sie sind erschüttert darüber, dass sie sich zu so viel Hass haben hinreißen lassen und natürlich auch besorgt darüber, welche Konsequenzen es für sie haben kann.

Sie haben persönlich Besuch von der Polizei erhalten und fürchten Gefängnis- und Geldstrafen und vor allen Dingen die Konsequenzen, die eine solche Vorstrafe für die Berufslaufbahn haben kann.

Ich bin unglaublich froh darüber, in einem Land zu leben, wo Morddrohungen so ernst genommen werden.

Es ist wirklich ein gutes Gefühl, damit nicht allein zu sein und sich verstecken oder gar flüchten zu müssen.

Aber ich wünsche niemandem eine Strafe, die ihm das Leben ruiniert. Ich werde alles dafür tun, was in meiner Macht steht, um zu drastische Konsequenzen von denen abzuwenden, denen ich ihre Reue glaube.

Mir geht es nicht darum, die Gräben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen weiter zu vertiefen. Ich will viel lieber Brücken bauen. Ich habe mich daher sehr über die Gespräche gefreut.

Ich hoffe, dass ich meinen Gesprächspartnern etwas darüber vermittelt habe, was es heißt, als Ex-Muslim in einem Land aufzuwachsen, wo Atheisten als unmoralische Verbrecher gelten. Ich habe auf jeden Fall etwas darüber gelernt, was es bedeutet, als Muslim in einem Land zu leben, wo Muslime von vielen unter Generalverdacht gestellt werden.

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