Eine Chance für weltweite Bildung

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Das Klassenzimmer ein Provisorium, gelernt wird online: Diplomstudierende im kenianischen Flüchtlingscamp in Kakuma sollen die neue Verantwortungselite ihres Landes werden.
Foto: JWL / C. Bathany


Das Klassenzimmer ein Provisorium, gelernt wird online: Diplomstudierende im kenianischen Flüchtlingscamp in Kakuma soll…
Foto: JWL / C. Bathany

Eine junge Frau fragte mich im Domiz-Flüchtlingslager, ob wir auch wiederkämen. Im Juli 2016 war mein erster Besuch von vielen im Domiz- und KhankeFlüchtlingslager in der Kurdischen Region von Irak (KRI). Noch vor Jahresende eröffnete Jesuit Worldwide Learning (JWL) Englisch-Sprachkurse in beiden Lagern für rund 250 Flüchtlinge, davon die Hälfte Yeziden und syrische Flüchtlinge. Die junge Frau war eine unserer ersten Sprachstudentinnen und erinnerte mich an mein Versprechen. Neun Monate später eröffneten wir mit sechs syrischen Flüchtlingen in Domiz in einem Container-Klassenzimmer mit Internetanschluss das Universitätsstudien-Programm. Shiar, der Koordinator der Lerngruppe, war selbst ein Flüchtling aus Syrien. Drei Monate später waren es knapp zwanzig Studenten.

Via Digitalisierung und Online-Kursen haben wir die Universität mitten in einem Flüchtlingslager etabliert. So haben wir schon im Jahre 2010 im Kakuma-Flüchtlingslager im Norden Kenias in der Turkana Wüste, im Dzaleka-Flüchtlingslager in Malawi und in Amman im Jahr 2012 universitäre Lernzentren errichtet, selbst in Afghanistan in Herat und den Bergen Bamyans, wo nun unsere Graduatestudenten fünf weitere JWL-Lernzentren in den Dörfern errichten.

Der Bayerische Landtag unter dem Vorsitz der Landtagspräsidentin Frau Barbara Stamm mit allen Fraktionen des Landtags zusammen entschied, die akademischen Studenten und 60 Englischsprachstudenten im Domiz-Flüchtlingslager in KRI mit Stipendien zu unterstützen, die den Studienbetrieb von JWL finanzieren. Der Landtag folgt der Einsicht, dass man die Ursachen von Krieg, Flucht und Vertreibung in den Ländern selbst angehen müsse. In einem Zwischenbericht im Juni diesen Jahres wollte der Bayerische Landtag wissen, was nun die Bildung bewirkt habe. Eine Erhebung vor Ort ergab ein paar interessante Einsichten.

Der einjährige intensive Englischsprachkurs und die Sprachkenntnisse ermöglichten einigen den Zugang zur lokalen Universität und zum lokalen Arbeitsmarkt in der KRI, der normalerweise für Flüchtlinge sehr begrenzt zugänglich ist. Ein Drittel der Sprachstudenten kehrte nach Syrien zurück und mit den erworbenen Englischkenntnissen fanden alle in Syrien Arbeit, oft bei internationalen Organisationen. Es gibt keinerlei Hinweise dafür, dass das Erlernen von Englisch die Flüchtlinge zu einer Weiterreise nach Europa animierte. Im Gegenteil: Alle Befragten wollen nach Syrien zurückkehren. Der Anteil von Frauen im Englischkurs beträgt 51 Prozent und im Diplomstudium überwiegen die Frauen sogar. Die Studenten bleiben, wo sie ein für die Zukunft wichtiges Bildungsangebot haben. Bildung bereitet Flüchtlinge auf die Rückkehr und den Wiederaufbau vor und stabilisiert das Leben der von Flucht und Trauma gezeichneten Menschen. Das akademische Studium in Liberal Arts fördert das kritische Denken und formt verantwortliche Führungskräfte für das Leben im Camp und für die Rückkehr.

Bildung inklusive höhere Bildung im Kontext von Flüchtlingslagern bewirkt mittelfristig eine Stabilisierung der Situation und gibt Menschen eine Perspektive. Es ist die Hoffnung und neue Perspektiven, die Menschen brauchen. Ein Vater erklärte mir im Khanke-Camp im Juli 2016 auf meine Frage, warum denn so viele junge Frauen bei der Versammlung waren und keine jungen Männer: Die Brüder dieser Mädchen seien alle schon im Jahr 2015 nach Deutschland gegangen, weil es im Lager keine Perspektive, keine höhere Schulbildung gab und die Essensration drastisch gekürzt worden war. Die Eltern schickten die Jungen auf den gefährlichen Weg, deren Schwestern – die Mädchen – blieben. Aber wenn es keine Aussicht für sie gäbe, dann würden sie auch gehen. Das hat sich nun geändert, mit der Einsicht, dass Bildung entscheidend ist, um die unmittelbaren Fluchtursachen anzugehen, denn Bildung ist die Quelle von Hoffnung. Bildung und insbesondere Höhere Bildung von Führungskräften sowie verantwortlichen Menschen ist der Weg, um diesen von Konflikten zerrissenen Ländern eine neue Zukunft zu geben. Flüchtlinge haben am eigenen Leib und Leben die katastrophalen politischen Entscheidungen, die von Macht-, Hab- und Ehrsucht getrieben sind, erlitten. Sie haben die höchste Motivation, es einmal als verantwortliche Führungskräfte besser zu machen. In Flüchtlinge zu investieren ist der beste Weg, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu beheben. Dies gilt nicht nur für die Flüchtlinge in ihren Herkunfts- und Nachbarländern, sondern für alle Flüchtlinge in Deutschland. Was auch immer wir in die syrischen Flüchtlinge in Deutschland investieren, wird indirekt und direkt langfristig helfen, ein neues Syrien entstehen zu lassen. Dies ist zutiefst die Erfahrung unserer eigenen leidvollen, verschuldeten und erlittenen Geschichte von Unrecht, Rassenhass, Krieg, Vertreibung und Flucht. Gott sei Dank gab es 1945 noch Menschen, die eine andere Bildung von Werten hatte als die der Nazis. Sie haben unser zerstörtes Land voller Flüchtlinge neu gelenkt. In diese Bildung der Flüchtlinge investiert JWL weltweit und nützt dazu das digitale Lernen. Die Digitalisierung macht es möglich, dass wir an jeden Ort der Welt die Universität bringen können, um dort Menschen zu helfen, ihre Situation zu transformieren.

Der Autor ist seit 2016 Executive President von Jesuit Worldwide Learning „Higher Education at the Margins“.



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