Salafisten als Vorbilder – Bayernkurier

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Die genaue Zahl der Muslime in Bayern ist nicht bekannt, Imame können schlecht Deutsch, und angeblich moderate Muslime bewundern Salafisten. Das kann man aus einer neuen Erlanger Studie über den „Islam in Bayern“ herauslesen.

Das wird einige Leser irritieren: Akzeptanz für Demokratie, Rechtsstaat und friedliches Zusammenleben kann man nicht einfach einfordern. Nein, man muss Migranten, Zuwanderer und andere „dafür gewinnen“. Das ist die auf den Einleitungsseiten formulierte Prämisse einer neuen 106-seitigen Studie über „Islam in Bayern“.

Der Islam ist Alltag und Realität in Bayern. Somit kann der Islam als ein Bestandteil Bayerns bezeichnet werden.

Studie „Islam in Bayern“

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften hat die Islam-Studie vor drei Jahren beim Erlangener Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) in Auftrag gegeben. Ergebnis ist ein „Policy Paper“ genanntes Dokument mit „konkreten Handlungsempfehlungen“. Die Erlanger Studie ist eine aufschlussreiche Lektüre, manchmal auch zwischen den Zeilen. Das beginnt mit der Einsicht, dass offenbar niemand eine präzise zahlenmäßige Vorstellung vom „Islam in Bayern“ hat. Die Studie geht aktuell von „ca. einer halben Million“ Muslime in Bayern aus. Für das Jahr 2008 errechnet sie allerdings „13 Prozent von rund 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland“ – was dann für Bayern schon 585.000 gewesen wären. Aktuellere Zahlen gibt es trotz der jüngsten Einwanderungswelle seit 2015/16 offenbar nicht.

Immerhin: Eine die Studie begleitende Nummer der Akademie Aktuell, der Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, nennt die Zahl von „rund 100.000“ muslimischen Schülern in Bayern. In Deutschland gibt es 8,35 Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schülern, also rund ein Zehntel der Bevölkerung. Würde man das auf muslimische Schüler übertragen, spräche das für rund eine Million Muslime in Bayern. Eine Zahl der Moscheen in Bayern fehlt im Erlanger Policy Paper. Interessant: Die Moscheevereine geben keine „verlässliche Information über die Mitgliedszahlen“ heraus.

Konservative Islamverbände

Weil es „den Islam“ nicht gibt, sondern nur eine ethnisch, sprachlich und kultisch stark zersplitterte muslimische Religions- und Organisationslandschaft, fehlt der hiesigen Politik ein zentraler Ansprechpartner. Was nicht bedeutet, dass sich nicht einzelne Muslimverbände als repräsentativ geben und sich der Politik als Dialogpartner anbieten. Aber eine Anerkennung als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ – analog zu den christlichen Kirchen – ist für keinen dieser Verbände in Aussicht, von einer Ausnahme in Hessen und Hamburg abgesehen.

Die vier größten dieser Verbände sind die türkische Ditib, der türkische Verband der Islamischen Kulturzentren VIKZ, der Islamrat und der Zentralrat der Muslime, die allesamt in Köln beheimatet sind. In der Erlanger Studie liest man, dass bei allen vieren „bislang eine gemäßigt-traditionelle Sicht dominiert oder zumindest stark vertreten wird“. Tatsächlich handelt es sich nach Ansicht der meisten Experten um eher strenggläubige Organisationen.

Muslimische Akteure müssen ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit als inländische Akteure wahrgenommen werden, wenn sie das Inland betreffende Anliegen verfolgen.

Studie „Islam in Bayern“

Die Studie wirbt dennoch dafür, auch solche Islamverbände in Gespräche und Kooperationen einzubeziehen. Befremdlich klingt der Rat, dass muslimische Akteure „ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit“ als „inländische Akteure“ wahrgenommen werden „müssen“, wenn sie „das Inland betreffende Anliegen verfolgen“.

Erhellendes erfährt man über die Imame. Etwa, dass für DITIB-Imame „türkische Religionsattachés“ die Dienstherren sind. Interreligiöser Dialog werde erschwert oder unmöglich gemacht, weil es „vor allem bei entsandten Imamen“ an Sprachkenntnissen und „Vertrautheit mit hiesigen Gegebenheiten und Gepflogenheiten“ mangele. Das wird bei „viele(n), über die jüngsten Fluchtbewegungen neu eingereisten Imame(n), z.B. aus Syrien“, von denen die Studie an anderer Stelle schreibt, kaum besser sein.

Paralleljustiz und Friedensrichter

Einen eigenen Abschnitt widmet die Studie „Außergerichtliche(r) Streitbeilegung und ‚Paralleljustiz‘.“ Solche Paralleljustiz habe „ihre Ursachen weitgehend nicht in der Religion (…), sondern in kulturellen Prägungen“, schreiben die Erlanger Forscher. Um sich zwei Seiten später mit dem Hinweis zu widersprechen, dass im Bereich von Familienkonflikten „Imame in großem Umfang angefragt“ werden. Die entscheiden dann mit dem Koran in der Hand.

Erfreulich ist der Hinweis, dass Bayern im strafrechtlichen Bereich vom Phänomen der Paralleljustiz – und der dann eben doch in aller Regel muslimischen sogenannten Friedensrichter – nicht so stark betroffen ist wie andere Bundesländer.

Die „konsequente, schon niedrigschwellige bayerische Ordnungspolitik“ wirkt zudem abschreckend auf Großfamilien, Clans und andere organisierte Kriminalität. Ungut sind dagegen Beobachtungen, dass in Münchner Flüchtlingsmilieus „Anwerbungen für Drogengeschäfte stattfinden“. Flüchtlinge, deren Familien häufig die Übersendung von Geldbeträgen erwarten, oder die Schulden bei Schleppern abzahlen müssen, seien dafür anfällig. Die Erlanger Experten geben den Rat, den Flüchtlingen „vorübergehende Lebensperspektiven“ zu bieten, „z.B. in Form vereinfachter, wenig theorie- und sprachlastiger Ausbildungen“.

Erwähnt wird in der Untersuchung auch die sogenannte Imam-Ehe, eine rein religiös geschlossene Ehe, ohne Standesamt. „Fälle informeller Ehen sind auch für Bayern dokumentiert“, so die Studie. Zahlen ließen sich allerdings nicht ermitteln. „Das Phänomen ist aber nach Aussagen einiger Imame verbreitet.“ Problem: Weil eine Imam-Ehe vor dem Gesetz keine Bedeutung hat, sind bei Scheidungen die Ehefrauen dann ohne jeden rechtlichen Schutz.

Muslimischer Extremismus

Nachdenklich macht der Abschnitt über muslimischen Extremismus. Er spielt unter Muslimen in Deutschland spätestens seit der iranischen Revolution eine Rolle. Die Studie erwähnt den 1994 ausgerufenen und 2001 verbotenen Kölner „Kalifatsstaat“ von Cemaleddin Kaplan „mit zunächst großer Breitenwirkung in den deutschen muslimischen Milieus“.

Auch in Bayern hat sich eine weiter anwachsende salafistische Szene etabliert.

Islam in Bayern

Als charakteristisch für das Religionsverständnis des Islamismus, bezeichnen die Erlanger Forscher unter anderem die völlige Unterwerfung unter das Normensystem der Scharia, den absoluten Vorrang gottgegebener Regeln und die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaates und seiner Mechanismen. „All dies steht im Gegensatz zu in vielen seriösen Studien belegten Haltung der weit überwiegenden Mehrheit der Muslime in Deutschland“, beruhigt das Erlanger Policy Paper.

Das Problem der Herkunftsländer

Wer sich an die nur wenige Wochen zurückliegende türkische Präsidentschaftswahl erinnert, wundert sich: Von türkischen Wählern in Deutschland erhielt Präsident Recep Erdogan, ein Islamist und Diktator, 67 Prozent der Stimmen – deutlich mehr als in der Türkei selber.

Gar nicht zur Erlanger Studie passen auch die Erkenntnisse einer großen Untersuchung des Washingtoner Pew-Research Centers: „Muslime der Welt – Religion Politik und Gesellschaft.“ In der 226-seitigen amerikanischen Studie aus dem Jahr 2013 geht es zwar nicht um Muslime in Deutschland, aber um deren Herkunftsländer.

Unterstützung für die Scharia als offizielles Gesetz des Landes ist weitverbreitet unter Muslimen in der Region des Mittleren Ostens und Nordafrikas – besonders im Irak (91 Prozent) und den Palästinenser-Gebieten (89 Prozent).

The World’s Muslims: Religion, Politics and Society, Pew Research Center

Dem US-Institut zufolge wollten türkische Muslime 2013 „nur“ zu 17 Prozent die Scharia als offizielles Gesetz ihres Landes. Aber in keinem der für Deutschland aktuell wichtigen neuen Herkunftsländer forderten weniger als 56 Prozent (Tunesien) den Scharia-Staat. In Afghanistan und Irak sogar 99 und 91 Prozent. Aus Syrien gab es keine Umfrageergebnisse, vermutlich wegen des Bürgerkrieges.

Salafisten als Vorbilder

Dass die Zahl scharia-orientierter und eher wenig demokratisch gesonnener Muslime größer ist, als gerne angenommen, zeigt das Phänomen der radikal-islamischen Salafisten. Die Erlanger Experten haben „sieben salafistische Moscheen in allen Teilen Bayerns besucht“ und 31 Predigten ausgewertet. Außerdem haben sie in München, Penzberg, Regensburg, Nürnberg, Erlangen, Weiden, Bayreuth und Schwandorf „mehr als 70 strukturierte Interviews“ geführt, „davon über die Hälfte mit Salafisten“. Ein Ergebnis: In den Salafisten-Predigten legen „vielerlei Anspielungen“ nahe, dass den Predigern auch „gewaltorientierte Aktivitäten erwünscht sind, z.B. als Kämpfer in Syrien“.

Salafisten werden als vorbildlich fromme Glaubensgenossen angesehen.

Studie „Islam in Bayern“

Der jüngste Verfassungsschutzbericht beziffert die Zahl der Salafisten bundesweit auf 10.800 – Tendenz stark steigend. Der bayerische Verfassungsschutz zählte für den Freistaat zuletzt 730 Salafisten. Die Erlanger Experten halten diese Zahl für „jedenfalls nicht zu niedrig angesetzt“. Interessant: Unter den Salafisten steigt der Frauenanteil.

In den Moscheegemeinden beobachtet die Erlanger Studie außerdem ein beachtliches Umfeld, dass sich zwar den Salafisten nicht anschließt, „aber deren Ideologie übernimmt oder sie wohlwollend unterstützt“. Salafisten werden von solchen Gläubigen – auch „Ärzte, Ingenieure, Arbeiter in deutschen Firmen oder Studierende“ –  „als vorbildlich fromme Glaubensgenossen angesehen“. Salafisten als Vorbilder für angeblich moderate Muslime. Das Phänomen wird auch aus Frankreich berichtet.

Kulturelle Kompatibilität

Bleibt eine Frage, die sich der Leser auf praktisch jeder Seite der Studie über „Islam in Bayern“ stellt: Warum gibt es die vielen Themen und Probleme nicht mit anderen Migranten? Mit Italienern, Portugiesen oder etwa mit jenen hunderttausenden vietnamesischen boat people, die seit den 70er Jahren in den Westen flohen und mindestens so lange Migrations- und Fluchtwege aus ebenfalls völlig anderer kultureller Heimat hinter sich hatten wie Türken und Araber?

Kulturen können besser oder schlechter zusammenpassen.

Neue Zürcher Zeitung

Die Vietnamesen gelten als regelrechte „Integrationswunder“ und „schaffen den Aufstieg in westliche Gesellschaften besser als andere Migranten“, schrieb vor einem Jahr die Neue Zürcher Zeitung. Das Blatt machte „kulturelle Kompatibilität“ für den Erfolg der Vietnamesen verantwortlich: „Kulturen können besser oder schlechter zusammenpassen.“ Bildung habe bei Vietnamesen oberste Priorität, ungeachtet der sozialen Herkunft, so die NZZ: „Vietnamesische Schüler findet man in der Nachhilfe, aber – im Unterschied zu vielen jungen Türken – nicht in Kickboxhallen.“



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