Tweet über Morddrohungen: Sawsan Chebli fühlt sich von Horst Seehofer im Stich gelassen

22
0

Berlins Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales Sawsan Chebli (SPD) ist auf der Nachrichtenplattform Twitter privat unterwegs, nicht in ihrer Funktion als Repräsentantin des Staates. Das muss an dieser Stelle gesagt werden, denn sie besteht darauf.

Am Donnerstag setzte Sawsan Chebli dort folgende Meldung ab: „Gehe mit einem unguten Gefühl ins Bett, stehe mit einem unguten Gefühl auf. Habe noch nie so viele Hetzbriefe und Morddrohungen erhalten. Lauter werden die Rufe, Muslime sollen weg. Und ich kann mich nicht einmal auf unseren Heimatminister verlassen.“

Amt und Haltung nicht vermischen

Es ist nicht ganz einfach, am folgenden Tag mit ihr über das zu sprechen, was sie dort geschrieben hat, über die Gefühle, die sie hat, weil sie Hetzbriefe und Morddrohungen erhält, wie angespannt und gefährlich sie die Stimmungslage im Land für Muslime beurteilt, ob sie sich persönlich derart bedroht fühlt, dass sie ihr Leben in diesem Land infrage stellen würde und was sie von Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer (CSU) hält, von dem sie sich offenbar im Stich gelassen fühlt.

Denn Sawsan Chebli möchte Amt und Haltung nicht vermischen. Das ist allerdings eine schwierige Position, denn das eine fließt ins andere. Selbstverständlich wird Cheblis Wahrnehmung als Staatssekretärin auch davon beeinflusst, was sie als Privatperson öffentlich macht. Zumal Sawsan Chebli findet, das politische Klima sei zurzeit derart aufgeheizt, dass jeder sich dem entgegenstellen sollte, beruflich wie privat.

Gerade regt sich Sawsan Chebli über den Bundesinnenminister so besonders auf, weil Seehofer bei einer Klausurtagung der CSU-Landesgruppe und in einem Interview, die Zuwanderung pauschal für das angespannte politische Klima verantwortlich machte. Seehofer sagte, Deutschland sei „ein gespaltenes Land“. Ursache dafür sei zwar nicht allein die Flüchtlingspolitik. „Aber die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land.“

Hass und Spaltung überwinden

Sawsan Chebli reagiert darauf wütend. „Flüchtlinge sind nicht der Staatsfeind Nummer eins und die Migrationsfrage ist auch nicht die Mutter aller Probleme“, sagt sie. Aber das ist nicht alles. Einmal angefangen, redet sie sich schnell in Rage. „Wissen Sie, wie viele Flüchtlinge auf uns zukommen und sich darüber beklagen, dass sie immer nur als Problem wahrgenommen werden?“ Sie hält die Worte Seehofers für ein fatales Signal, für spaltend und für eine Ohrfeige für alle Migranten, auch für jene, die bereits seit Jahren in diesem Land integriert leben.

Zufällig hat Sawsan Chebli gerade in dieser Woche in Berlin ein Projekt vorgestellt, das sich gut als Antwort auf die Worte Seehofers eignet. So will sie die Initiative jedenfalls verstanden wissen. Das Projekt nennt sich „#Farbenbekennen-Award“. Es ist eine Auszeichnung der Senatskanzlei Berlin für Geflüchtete und Initiativen, die Begegnungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten schaffen und damit helfen sollen, Hass und Spaltung zu überwinden.

„Wir setzen Horst Seehofers Worten ’#Farbenbekennen’ entgegen. Ich würde mich freuen, wenn sich ganz viele Menschen bewerben. Das ist kein einmaliges Statement. ’#Farbenbekennen’ ist eine Haltung, um das Zusammenleben in unserer Stadt zu gestalten“, sagt Sawsan Chebli.

Kaum negative Kommentare

Dem Tweet, den die Staatssekretärin am Vorabend rein privat absetzte, hatten am Freitagnachmittag bereits dreieinhalbtausend Menschen mit einem „Gefällt mir“ ihre Zustimmung verliehen, über 700 verbreiteten ihn weiter. Es gab Solidaritätsbekundungen und Kopf-hoch-Parolen. Kommentatoren posteten den Hashtag #WirSindMehr zur Unterstützung. Und immer wieder Aufforderungen wie diese: „Nicht aufgeben. Im Gegenteil bitte noch lauter werden!“

Negative Kommentare wie der, dass Chebli selbst in der Vergangenheit polarisierende Positionen eingenommen habe, blieben an diesem Tag in der Minderheit. Viele Kommentatoren nutzten allerdings die Gelegenheit, sich ihrerseits mit Seehofer oder dem Islam auseinanderzusetzen und da finden sich dann auch Sätze wie diese: „Moslems sind keine Bürger Deutschlands, sie haben jeden Respekt verwirkt!“, „Wenn sich der Heimatminister durchsetzten würde, könnten sie ruhig schlafen“, „Vorschlag: AUSWANDERN ins Land der Vorfahren!“

Quelle: