Burbach: Prozess gegen 30 Wachmänner um Folter in Flüchtlingsheim – Ruhrgebiet

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Siegen (NRW) – Es waren erschreckende und verstörende Bilder, die um die Welt gingen. Ein marokkanischer Flüchtling gefesselt auf dem Boden, ein Wachmann drückt ihm grinsend seinen Stiefel in den Nacken.

In Siegen hat am Donnerstagmorgen der Prozess gegen 30 Wachmänner und Mitarbeiter (24-63 Jahre) des Burbacher Asylheims von European Homecare begonnen. Zu Beginn des Mammutverfahrens nahmen die Angeklagten in acht Reihen Platz.

In einem 27 Sekunden langen Video liegt der weinende Asylbewerber Karim M. neben seinem Erbrochenen, er soll vorher unvermittelt in Bauch und Gesicht geschlagen worden sein. Man hört die Stimme eines Wachmannes: „Willst Du noch eine haben? Soll ich Dir in die Fresse treten, oder wat? Leg Dich in Deine Kotze und schlaf!” Der lapidare Grund: Er war angetrunken ins Asylheim zurückgekehrt.


In diesem Flüchtlingsheim auf dem Gelände der früheren Siegerland-Kaserne spielten sich die Taten abFoto: Federico Gambarini / dpa

Die Angeklagten sollen von Ende 2013 bis September 2014 systematisch Flüchtlinge gequält, gedemütigt, gefesselt und geschlagen haben. Angeklagt sind 54 Fälle von Freiheitsberaubung, Nötigung und gefährlicher Körperverletzung.

Aufgrund der Größe des Prozesses (Angeklagte, Anwälte, Nebenkläger) findet die Verhandlung in der Siegerlandhalle statt – im Landgericht gibt es keinen Raum, der einen der größten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte fasst.


Der Prozess findet in der Siegerlandhalle stattFoto: marc vollmannshauser

Laut der 155-Seiten-Anklage gab es immer wieder Faustschläge gegen Kopf, Bauch und Rippen, Pfefferspray in die Augen. Laut Zeugen schlugen manche so auf die Opfer ein, als würden sie Kampftechniken an den hilflosen Personen trainieren. Weil ein Mittäter diese Misshandlungen damals gefilmt hatte, flog die „Asylheim-Folter” auf. Das Video wurde einem lokalen Journalisten zugespielt, der ging zur Polizei.


In dem sogenannten „Problemzimmer“ in der Flüchtlingsunterkunft in Burbach (NRW) wurde einer der Heimbewohner mit Handschellen gefesseltFoto: Polizei

Wer nach Ansicht der Wachmänner Ärger machte, musste dort rein. Damit die Betroffenen das Zimmer nicht verlassen konnten, entfernten die Angeklagten die Türklinke. Bis zu drei Tage sollen Asylbewerber dort festgehalten worden sein, durften nicht mal auf die Toilette.

Einmal wurden elf Bewohner willkürlich ausgewählt und ins „Problemzimmer“ gesperrt. Weil angeblich ein Stuhl angekokelt wurde, mussten die Bewohner 48 Euro bezahlen, durften erst danach das Zimmer wieder verlassen.


Ein gefesselter Asylbewerber liegt am Boden, ein Wachmann stellt ihm den Fuß auf den Kopf – dieses Foto wurde zum Sinnbild des Folter-Skandals im Flüchtlingsheim von Burbach (NRW)Foto: POLIZEI

Steven K. (33) arbeitete im Sommer 2014 zwei Monate lang in der Asyl-Unterkunft von European Homecare in Siegen-Burbach. Der Angeklagte vor dem Prozess zu BILD: „Auf 1000 Asylbewerber kamen in der Unterkunft manchmal nur ganze sechs Wachleute. Wir waren uns damals einfach selbst überlassen, dadurch komplett überfordert, das musste irgendwann so kommen. Und wenn es größere Schlägereien oder Vorfälle gab, kam die Polizei mit bis zu 30 Streifenwagen, aber die Beamten griffen nicht ein und meinten, sie wären zu wenig und müssten noch auf Verstärkung warten.“

Für Rechtsanwalt Andreas Trode (57), der eines der Opfer vertritt, ist indes klar: „Das war ein menschenverachtendes System, die Wachleute haben ihre vermeintliche Macht missbraucht und ein willkürliches und brutales Bestrafungssystem aufgebaut!“

Christopher Posch ist einer der Verteidiger in dem Mammut-Prozess: „Wir wollen mal sehen, was sich von den Vorwürfen wirklich beweisen lässt und was am Ende dann noch übrig bleibt. Manche der Beschuldigten stehen nur auf Dienstplänen, die Frage ist doch, was haben sie denn konkret in der Zeit gemacht? Außerdem ist das alles unter der Aufsicht von Behörden passiert, auch da wird man die Verantwortung klären müssen.“

Kleiner Aufreger gleich zu Beginn des Verfahrens: Ein Angeklagter durfte den Gerichtssaal wieder verlassen. Sein Verfahren muss jetzt später abgetrennt geführt werden. Sein Verteidiger hatte bemängelt, dass sein Mandant die Ladung zum Prozess zwei Tage später bekommen habe als vorgeschrieben.

Das Gericht musste diesen Fehler einräumen und schickte den Angeklagten erstmal wieder nach Hause.

Der Prozess gegen weitere acht Angeklagte, darunter den nach Ansicht der Anklage hauptverantwortlichen damaligen Heimleiter Ricardo S., wurde schon vorher abgetrennt. Grund: Sie haben sich teilweise geständig gezeigt oder können aus Krankheitsgründen am heute beginnenden Prozess nicht teilnehmen.

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