Ditib-Projekt zur Deradikalisierung in Berliner Sehitlik-Moschee gescheitert

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Wolken ziehen am 03.10.2018 über die Sehitlik-Moschee in Berlin. (Foto: dpa/Paul Zinken)

dpa/Paul Zinken

Audio: inforadio | 08.11.2018 | Torsten Mandalka | Bild: dpa/Paul Zinken

rbb-exklusiv: Zusammenarbeit mit Ditib geplatzt

Deradikalisierungsprojekt in Sehitlik-Moschee gescheitert

Eine Mitarbeiterin eines Deradikalisierungsprojektes für muslimische Jugendliche wird in der Berliner Sehitlik-Moschee bedrängt und anschließend hinausgeworfen. Es ist das Ende des bundesweit letzten Ditib-Projekts in diesem Bereich. Von Jo Goll und Torsten Mandalka

Auch Wochen nach dem Vorfall ist Pinar Cetin immer noch fassungslos. Im Gespräch wirkt die 36-jährige studierte Politologin zwar konzentriert, doch manchmal gerät sie ins Stocken und sucht nach Worten. „Es ist ein sehr verletzendes Gefühl, weil ich 13 Jahre in dieser Moschee ehrenamtlich tätig war und so viele schöne Erinnerungen an diese Zeit habe“, sagt sie dann und erzählt von den besseren Tagen in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Etwa als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck oder Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière in der einstigen Vorzeigemoschee zu Gast waren.

Eklat in der Moschee

Doch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Sehitlik-Moschee kam jetzt zu einem abrupten Ende. Am 27. September empfängt Pinar Cetin eine Schulklasse aus dem hessischen Bensheim in der Moschee. Die Schüler sind auf Einladung des Auswärtigen Amtes da, um etwas über das Deradikalisierungsprojekt Bahira zu hören, in dem die Moschee-Gemeinde mit dem Verein Violent Prevention Network (VPN) zusammenarbeitet.

Nach knapp fünf Minuten wird Pinar Cetin von führenden Ditib-Funktionären – darunter der Kultur-Attaché der Türkischen Botschaft Ahmet Fuat Candir und der Imam der Moschee – umringt und lautstark der Moschee verwiesen. Man hält ihr vor, unzulässig eine Moscheeführung durchgeführt zu haben und ein falsches Islam-Bild zu vermitteln. „Ich habe mehrfach gesagt, dass wir keine Moscheeführung gemacht haben und ich nur über das Projekt Bahira berichten wollte“, erzählt Pinar Cetin. „Doch das hat nichts gebracht. Es ist richtig laut geworden und es war sehr unangenehm. Auch den Schülern, die größtenteils noch nie in einer Moschee waren, wird das in sehr negativer Erinnerung bleiben.“ Pinar Cetin bleibt nichts anderes übrig, als die Moschee mit den Schülern zu verlassen. Das Gespräch habe sie dann im gegenüberliegenden Park, der Hasenheide fortgesetzt, berichtet die dreifache Mutter weiter.

Schlechtes Klima seit Putschversuch in der Türkei

VPN als Trägerverein des Projekts hat unmittelbar nach dem Vorfall die Zusammenarbeit mit der Ditib-Moschee aufgekündigt. Der Leiter Thomas Mücke sagte dem rbb, fünf Männer hätten sich vor seiner Mitarbeiterin aufgebaut und diese beleidigt. „Das ist inakzeptabel. Wir mussten als Träger des Projekts sofort reagieren und die Zusammenarbeit beenden“, so Mücke weiter.

Nach dem Putsch-Versuch 2016 und dem folgenden politischen Wandel in der Türkei hatte sich bereits abgezeichnet, dass sich in der als liberal und offen bekannten Moschee einiges ändern wird. Das Klima in der einstigen Vorzeige-Moschee wurde immer rauer, der Einfluss des aus der Türkei gesteuerten Moschee-Dachverbandes Ditib immer stärker. „Nach Ende 2016 mit Beginn 2017 hat sich schon abgezeichnet, dass wir da nicht so die gewünschten Gäste sind“, erzählt Cetin rückblickend. „Ich habe den Eindruck“, berichtet auch Thomas Mücke, „dass Ditib sich aus der Öffnung zur Gesellschaft verabschiedet hat und dass sie versuchen, sich zu isolieren und sich nur noch auf ihre eigene Community zu konzentrieren und auch dort versuchen, ihren Einfluss aufrecht zu erhalten.“

Bitteres Ende einer erfolgreichen Kooperation

Die Beratungsstelle Bahira wurde seit 2015 im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesfamilienministerium und vom Berliner Senat mit rund 160.000 Euro jährlich gefördert. Das Kooperationsprojekt von Violence Prevention Network und der Sehitlik-Moschee wendet sich an muslimische Jugendliche, die in den islamistisch geprägten Extremismus abzugleiten drohen. Jahrelang hat Pinar Cetin versucht, in diesem Moscheeverein junge, radikalisierte Muslime zu überzeugen, dass sie auf dem falschen Weg sind. Als Mitarbeiterin von VPN hat sie mit jungen Muslimen diskutiert – oder einfach nur zugehört. Und so manchen vor Dummheiten bewahrt.

„Wir hatten mit unserem Projekt sehr viele Erfolgserlebnisse, weil wir viele junge Menschen gewinnen konnten. Wir haben eine tolle Jugendarbeit dort aufgebaut. Es sind viele engagierte, junge, muslimische Jugendliche, die wir für das Thema Extremismus und Radikalisierung sensibilisieren konnten“, berichtet die Politologin etwas wehmütig. Doch daran hat Ankara mittlerweile offenbar kein Interesse mehr.

Jarasch: „Fixierung auf Verbände war ein Fehler“

Integrationspolitiker wie Bettina Jarasch von Bündnis 90/Die Grünen sind alarmiert und weisen darauf hin, dass „die Einflussnahme der Türkei und der türkischen AKP-Regierung auf die hiesigen Ditib-Moscheen immer stärker und  auch immer problematischer wird.“ Prinzipiell, so Jarasch weiter, vertrage sich das aber nicht mit unserer Vorstellung von Religionsfreiheit.

Jarasch rät dazu, in der muslimischen Community nach neuen, aufgeschlossenen Kooperationspartnern zu suchen. „Die Fixierung auf die Verbände war ein Fehler, denn sie sind keine religiösen, sondern politische Organisationen.“ Es gebe viele junge Muslime, die hier geboren und aufgewachsen seien und einen europäischen Islam leben wollten. Dies seien die richtigen Partner für die Zukunft, sagt Jarasch.

Suche nach neuem Partner schwierig

Die Suche nach neuen, aufgeschlossenen Kooperationspartnern hat laut Thomas Mücke längst begonnen und erste Ansätze gebe es bereits. Doch das ist schwer, denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 900 Moscheen sind bundesweit im größten türkischen Moschee-Dachverband Ditib organisiert – der Einfluss Ankaras auf die hiesigen Moscheevereine ist also nach wie vor sehr groß.

Das Bundesfamilienministerium teilte dem rbb mit, dass bereits seit Ende 2017 keine Projekte der Ditib in alleiniger Trägerschaft mehr gefördert werden. Die an der Finanzierung von Bahira beteiligten Senatsverwaltungen kündigten auf rbb-Anfrage an, das VPN-Projekt dennoch weiter unterstützen zu wollen. Allerdings müsse sich der Trägerverein VPN nun nach neuen Kooperationspartnern umschauen, hieß es. Der Dachverband Ditib reagierte auf eine rbb-Anfrage nicht.

Beitrag von Jo Goll und Torsten Mandalka

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