Baerbock auf Deutschland-Tour: Ruhe bewahren bei dieser „Heimat“-Diskussion – Hintergrund

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Engagierte Diskussion: Annalena Baerbock, Danyal Bayaz (Mitte) und Michael Blume in Schwetzingen. Foto: Joe

Von Kathrin Hoth

Schwetzingen. Was ist nur mit den Grünen los? „Des Glückes Unterpfand“ lautet das Motto der Sommertour der beiden Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck – eine Zeile aus der Nationalhymne, durchaus eine Herausforderung für manch parteilinkes Ohr. Und dann diskutiert die Parteivorsitzende in Schwetzingen auch noch mit dem Antisemitismusbeauftragten Baden-Württembergs, Michael Blume, über das Thema „Heimat“.

Die Ideen hätten auch von der Union stammen können, sind aber Teil der Grünen-Strategie im Kampf um neue Wählerschichten. Die Ökopartei will ein Angebot machen an die bürgerliche Mitte, manche sprechen auch von einer Kampfansage an Rechtspopulisten und die AfD.

Die lässt das offenbar nicht kalt. Bei der Podiumsdiskussion in Schwetzingen, zu der der Grünen-Bundestagsabgeordnete Danyal Bayaz eingeladen hatte, nutzen einige die Fragerunde, um rechtspopulistische Thesen zu platzieren. Für ein paar Minuten heizt sich die Stimmung auf. Das Publikum wehrt sich mit Pfiffen gegen die Parolen, dagegen wird angebrüllt. Dann entspannt sich die Lage – auch, weil auf dem Podium alle die Ruhe bewahren und mit Sachargumenten kontern.

Offenbar trifft das Thema einen Nerv. Was macht Heimat aus? Was verbindet? Integrationsdebatte und Flüchtlingsfrage sind da nicht weit. Denn Heimat, so die Quintessenz des Abends, hat zwar mit Vertrautem zu tun. Offenbar bedeutet es aber für Baerbock und Blume nichts Statisches. „Heimat heißt für mich, Offenheit für Neues, andere willkommen heißen“, sagt Baerbock. Blume, für Baden-Württemberg einst auch in der Flüchtlingsarbeit im Irak tätig, berichtet von Treffen mit jesidischen Kindern, die sich von Deutschland ein Frühstück und Schulbesuche ohne Angst wünschen. „Das ist für sie Heimat. Wenn man das begriffen hat, versteht man auch die Menschen, die so eine Heimat suchen.“

Das Thema ist nichts, was sich abstrakt diskutieren lässt. Die Debatte ist emotional, viele persönliche Anekdoten tauchen auf. Dass gemeinsame Werte ein Heimatgefühl vermitteln können, sei ihr bei einer Reise mit Politikern anderer europäischer Länder in die USA klar geworden, berichtet etwa Baerbock. Irgendwann habe die Gruppe festgestellt, dass sie alle von der Überzeugung eines Solidarsystems geprägt seien. „Das zeigt mir, dass es sich lohnt, für das europäische Wertesystem zu streiten. Europa ist eine große Errungenschaft, weil es Frieden gebracht hat.“ Blume kann da nur zustimmen.

Dafür, dass der Antisemitismus-Beauftragte CDU-Mitglied ist, sind sich er und die Grünen-Chefin erstaunlich oft einig. Das mag mit Baerbocks realpolitischem Ansatz zu tun haben. Es liegt aber auch an den sehr differenzierten Ansichten von Blume, für den der Islam etwa „selbstverständlich“ zu Deutschland gehört. „Natürlich hat Radikalismus hier nichts zu suchen“, sagt er. Doch sei das nicht mit dem Islam gleichzusetzen.

Was ist Heimat? Da stellt sich auch die Frage, was eine Gesellschaft bei all der Unterschiedlichkeit noch zusammenhält. Das ist der Punkt, an dem die Grünen-Chefin eine ihrer Stärken ausspielen kann: Nähe zu den Menschen. „Wir müssen in den sozialen Zusammenhalt investieren“, sagt sie. Dann berichtet die 37-Jährige aus ihrem Wahlkreis in Brandenburg, wo es mancherorts keine Bushaltestelle, keine Kita, keine Schule gibt. „Ich sehe das als Gefahr für die Gesellschaft, dass sich Menschen abgehängt fühlen und sich fragen: Sind wir noch Teil der Gesellschaft?“ Einigkeit und Recht und Freiheit – modern übersetzt bedeute das für sie sozialer Zusammenhalt.

Natürlich darf da bei einer Grünen-Chefin das Plädoyer für mehr Umweltschutz nicht fehlen. „Klimapolitik ist Sozialpolitik“, sagt sie. Denn die Klimakrise treffe häufig gerade die Schwächsten.

Der Antisemitismusbeauftragte zielt beim Thema Zusammenhalt eher auf einen anderen Aspekt. „Es gibt Hinweise, dass der Anstieg von Antisemitismus und Rassismus mit den Neuen Medien zusammenhängt“, sagt er. Mit drei Klicks finde man heute eine Gruppe, in der nur ähnliche Meinungen wie die eigene vertreten seien. „Ich sehe eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt, wenn jede Gruppe nur noch nach Innen diskutiert.“

Mit dem Nationalhymnen-Motto der Sommertour wollen die Grünen das Muster durchbrechen. Ob es in Zukunft linken Patriotismus gebe, will Bayaz wissen. Sie tue sich schwer mit dem Begriff, sagt Baerbock. Aber: „Ob man es nun Patriotismus nennt oder Demokratie, es kommt auf die Haltung an, die dahinter steht.“





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