Boris Johnson muss sich in Burka-Affäre Disziplinarverfahren stellen – Politik

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London

Boris Johnson muss sich in Burka-Affäre Disziplinarverfahren stellen

Der Konkurrent von Großbritanniens Premierministerin Theresa May nutzt das Sommerloch und spielt sich einmal mehr mit kontroversen Äußerungen in den Vordergrund

London. Besser hätte es für Boris Johnson gar nicht laufen können. Der ehemalige britische Außenminister hatte am Montag in einer Kolumne für die Tageszeitung „Daily Telegraph“ mit umstrittenen Äußerungen zu Burka-Trägerinnen für Aufregung gesorgt. Am Dienstag und Mittwoch dominierte die Kontroverse die Titelseiten der meisten Zeitungen im Königreich.

Und am Donnerstag durfte sich der populistische Politiker darüber freuen, dass die Sache jetzt noch ein paar Wochen weiterköcheln wird: Ein Schiedsgericht der Konservativen Partei soll darüber befinden, ob Johnsons Äußerungen den Verhaltenskodex der Partei gebrochen haben und sie „in Verruf“ bringen könnten. Im Extremfall droht ihm dabei der Ausschluss aus der Fraktion oder sogar aus der Partei. Der Herausforderer von Premierministerin Theresa May hat das Sommerloch jedenfalls erfolgreich nutzen können, um sich den Briten wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Johnson hatte in seiner Kolumne geschrieben, dass Frauen, die eine Vollverschleierung wie Nikab oder Burka tragen, sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie „herumgehen und wie Briefkästen aussehen wollen“. Burka-Trägerinnen, meinte er weiter, würden doch „wie Bankräuber aussehen“. Trotz seiner Einwände gegen die Vollverschleierung will der Politiker sie allerdings nicht verboten sehen, weil ein Verbot „zu Recht oder nicht als ein Angriff auf den Islam missverstanden würde“.

Für despektierliche Sentenzen ist Johnson bekannt, er hat im Grunde seine ganze Karriere auf sein loses Mundwerk gegründet. „Wenn Sie konservativ wählen“, versprach er einmal während des Wahlkampfs 2005, „wird das Ihren Frauen größere Brüste verschaffen und Ihre Chancen erhöhen, einen BMW zu gewinnen.“ Johnson weiß: Gerade sein Mundwerk, sein Mutterwitz und seine Respektlosigkeit sind es, die ihm Sympathien einbringen. Selbst wenn er sich im Ton vergreift und Witzeleien über Schwarze macht oder gleich ganze Städte beleidigt. Über Portsmouth hat er einmal gelästert: „Ein Ort, der zu voll ist mit Drogen, Fettleibigkeit und Labour-Abgeordneten.“ Und Papua-Neuguinea charakterisierte er durch „Orgien des Kannibalismus und Häuptlingsmorde“.

Dank seiner Spielart des britischen Humors ist er zu einem der beliebtesten Politiker des Königreichs geworden. Bis zum Brexit. Johnson, eine der Galionsfiguren des Austrittslagers im Referendum, ist seitdem bei einer Hälfte der Briten gründlich verhasst. So kennzeichnete dann auch den Sturm der Entrüstung, der auf seine Kolumne folgte, dass in erster Linie Brexit-Gegner die Aussagen von Johnson verdammten. Eric Pickles, der frühere Parteivorsitzende, forderte eine Entschuldigung Johnsons wegen seiner Wortwahl. Sayeeda Warsi, die erste muslimische Kabinettsministerin, warf ihrem Parteigenossen Opportunismus vor: Ihm ginge es „doch nicht um eine ernsthafte Debatte zu einem wichtigen Thema, sondern nur um die Aufmerksamkeit in bestimmten Teilen der Konservativen Partei“.

Da dürfte sie wohl recht haben. Johnson, der vor vier Wochen aus Protest gegen den Brexit-Kurs von Premierministerin Theresa May zurücktrat, will sich wieder ins Gespräch bringen, und genau darauf ist diese Kontroverse ausgelegt. Er fährt eine typische Doppelstrategie: Auf der einen Seite schützt er vor, ein Liberaler zu sein, weil er ja keinen Burka-Bann will. Auf der anderen Seite spielt er für die rechte Galerie, wenn er Spott und Hohn über verschleierte Muslimas ausgießt.

Johnson hat sich geweigert, sich für seine Kolumne zu entschuldigen, obwohl das mittlerweile auch May von ihm verlangt. „Ich glaube, wir sollten alle mit der Sprache und den Begriffen, die wir verwenden, sehr umsichtig sein“, sagte May. Auch weitere konservative Parteikollegen Johnsons kritisierten seine Wortwahl.

Ihm kann es nur recht sein, wenn diese Kontroverse sein Image als Rebell gegen das Establishment aufpoliert. Nach einer Umfrage unter Tory-Anhängern von Anfang August ist er der Favorit für die Nachfolge von Premierministerin May. Diese Hoffnungen wären mit einem Ausschluss aus der Fraktion jedoch passé.


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