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Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V.

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Donnerstag, 09.08.2018

09.08.2018 Ansprache ZMD-Vorsitzender Aiman A. Mazyek zum Besuch im Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz (es gilt das gesprochene Wort)

09.08.2018 Ansprache ZMD-Vorsitzender Aiman A. Mazyek zum Besuch im Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz (es gilt das gesprochene Wort)

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers – Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.

Erstmals stehen wir als Vertreter einer deutsch-muslimischen Religionsgemeinschaft, stehe ich, in diesem Ort des Schreckens, dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Dieser Ort des unbeschreiblichen menschlichen Leids ist ein furchterregendes Symbol für die Entrechtung, Entmenschlichung und Verfolgung von Millionen Menschen, für den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch, der Schoah. Man kann eigentlich nicht wollen, diesen Ort zu besuchen. Und dennoch haben wir uns als Muslime aufgemacht – zusammen mit unseren jüdischen Freunden – diesen Ort zu besuchen, weil man diesen Ort besuchen muss, um wenigstens zu versuchen zu verstehen, welche Verantwortung wir heute und in der Zukunft zu tragen haben.

Wir tun dies als Deutsche, als muslimische Deutsche, weil wir, weil der Islam Teil unseres Landes ist und wir damit selbstverständlich auch Verantwortung für unser Land tragen. Im edlen Koran heißt es  „O Prophet, Wir haben dich gesandt als Zeugen, als Verkünder froher Botschaft und als Warner.“ (33. Sure, Vers 45) Damit ist nicht nur der Auftrag des Propheten beschrieben, damit ist ebenfalls die Verantwortung jedes einzelnen Muslims für das Diesseits gemeint.

Wir deutschen Muslime bekennen uns an diesem Ort zu unserer Verantwortung und damit für unsere Zukunft, unsere Gegenwart und für unsere Geschichte unseres Landes. Wir deutschen Muslime bekennen damit, uns für den Erhalt unseres Rechtsstaates einzusetzen, wir bekennen uns zu unserer freiheitlichen Demokratie, zu unserer von Vielfalt geprägten, pluralen Gemeinschaft in Deutschland, die getragen sein soll von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ die „des Glückes Unterpfand“ sind, (wie es so trefflich in der Nationalhymne beschrieben steht).

Dieses Bekenntnis bedeutet im islamischen Verständnis alles zu tun, alles zu unternehmen, damit sich eine derartige Katastrophe wie die Schoah niemals wiederholen kann. Weder in unserem Land, noch sonst wo auf dieser Welt. Dies bedeutet, dass wir aus religiöser Überzeugung gegen jegliche gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit aufstehen und unsere Stimme erheben, uns dem Antisemitismus widersetzen, allen Rassisten entschieden die Stirn bieten. Jede Form von Antisemitismus, gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit und Rassismus ist eine Sünde im Islam.

In seiner Abschlusspredigt sagte der Prophet (ﷺ) des Islam: „Die gesamte Menschheit stammt von Adam und Eva ab. Ein Araber hat weder einen Vorrang vor einem Nicht-Araber, noch hat ein Nicht-Araber einen Vorrang vor einem Araber; Weiß hat keinen Vorrang vor Schwarz, noch hat Schwarz irgendeinen Vorrang vor Weiß.“ Dies ist das anti-rassistische Manifest unseres Propheten, das anti-rassistische Manifest des Islams.

Im edlen Koran heißt es „O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch. Gott ist gewiss allwissend und hat Kenntnis von allem.“ (49/13)

Deshalb sind wir hier. Wir legen Zeugnis darüber ab, was hier an unfassbarem Bösem geschehen ist. Wir legen Zeugnis darüber ab, dass nichts vergessen wird. Wir versprechen, dass wir uns mit unserer Kraft, mit der Kraft unseres Glaubens, gemeinsam für das „Nie wieder Auschwitz“ einsetzen werden.

Meine Damen und Herren, Und denjenigen, die da sagen „Schluss mit dem übertriebenen Moralismus“, „Schluß mit dem Moralwächtertum“, die etwas von „Schlussstrich“ faseln oder eine „180 Grad Wende in der Erinnerungskultur“ einfordern, denen sagen wir: Nicht mit uns! Denen sagen wir: Eure Rhetorik ist nichts anderes als ein Vorbote des Bösen, des Hasses in den Herzen, der nie wieder salonfähig werden darf. Mit uns wird es diesen Relativismus, diese Hang zur Geschichtsvergessenheit nicht geben und mag er sich noch so billig der Meinungsfreiheit bedienen und sich als intellektuelles Schwert maskieren. Denen werden wir sagen auch: Ja wir wissen, dass die Populisten und Extremisten unüberhörbar und bedrohlich in vielen Hauptstädten Europas bereits ihre schändlichen Lieder des Sieges laut singen. Auschwitz verstehen heißt hier, erbitterten Widerstand leisten, dass diese schändlichen Lieder nicht mehr gesunden werden.

Die Ideologie des Nationalsozialismus hat Menschen dazu gebracht jedes Maß an Menschlichkeit, an Maß zu vergessen. Heute gibt es leider wieder erste Anzeichen dafür, dass die „Menschheit die Lehren aus Auschwitz nicht vollständig verinnerlicht hat“, um hier einen Zeitzeugen, der Auschwitz überlebt hat und den wir unweit von hier kennenlernen durften, einmal zu zitieren. Und auf die Frage, welchen Rat er uns geben kann, damit sich Auschwitz nicht wiederholt, antwortete dieser über 90 Jahre alte Zeitzeuge: „Seid füreinander Brüder.“ Was für eine großartige Richtschnur für das Leben!

Der Islam betont die Würde des Menschen und die besondere Schöpfung durch dem Allmächtigen. Und im edlen Koran heist es „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams mit Würde ausgestattet [geehrt].“ (Sure Al-Isra, Vers 70) Jeder Mensch ist vom Schöpfer mit identischer Würde ausgestattet worden, ganz gleich ob er religiös ist oder nicht.

Es gibt sehr viele Beispiele aus dem Leben des Propheten (ﷺ) dass beispielhaft verdeutlicht,

was der Islam mit der Achtung der Menschwürde meint. Z.B. wird überliefert, dass der Prophet aus Respekt aufstand, als eine jüdische Totenprozession an ihm vorbeizog. Als er von einem Gefährten darauf hingewiesen wurde, dass es das Begräbnis eines Juden sei, antwortete er: „Ist das keine Menschenseele?“ Der Prophet (ﷺ) hat mit dieser Bekundung des Respekts für einen Menschen nicht nur an unseren gemeinsamen Ursprung erinnert, sondern er hat insbesondere darauf Wert gelegt, jeden Anflug von Hochmut und Rassismus bei den Gläubigen im Keim zu ersticken. Wenn also der Prophet aus Respekt vor der Würde eines toten Menschen aufstand, sind wir nicht erst recht dazu verpflichtet, die Würde des lebenden Menschen umso höher zu schätzen?

In Erinnerung und Gedenkens an die Errettung des Stammes Israels hat uns der Prophet (ﷺ) als Zeichen der Zuneigung und Nähe zum Propheten Mose und als Zeichen der Freude empfohlen am Tag von Aschura, dem 10. Tag des ersten Monats des islamischen Mondkalenders, zu fasten, weil Moses und sein Stamm an diesem Tag vor der Grausamkeit des Pharaos gerettet wurden. Das jüdische Fest zum Auszug aus Ägypten, das gehört zu den Hochfesten im jüdischen Kalender.

Meine Damen und Herren,

Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen: Oh Schöpfer allen Seins, bitte steh uns bei, deine Lehren und Gebote in unserem Leben umzusetzen, damit wir bessere Menschen werden, damit wir füreinander bessere Mitmenschen werden.

Oh Gott, schütze unser Land, Deutschland, und unsere Gesellschaft vor dem Rassismus, dem Hass, der Ignoranz derjenigen, die das Rad der Geschichte in die Zeit der Dunkelheit zurückdrehen wollen und gib uns die Stärke und die Geduld ihnen zu widerstehen.

Oh Gott, schütze uns vor allem Schlechten, bewahre das Gute und schenke unserem Land, Deutschland, und unserer Gesellschaft Sicherheit, Wohlstand und Frieden. Amen!

Und deshalb wiederhole ich auch an dieser Stelle, was ich unlängst vor dem Hintergrund auch der vermehrten Angriffe auf Menschen anderen Glaubens, ganz gleich ob es Juden, Christen oder Muslime sind, gesagt habe: Ich bin ein Jude, wenn Juden und Synagogen angegriffen werden, ich bin ein Christ, wenn Christen verfolgt und Kirchen zerstört werden, und ich bin ein Muslim, wenn Muslime angegriffen und Brandsätze auf Moscheen geworfen werden.

Im Gedenken an das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an die unzähligen Toten, die hier unermessliches Leid erfahren mussten, lege ich eine Rose des Friedens und des Erinnerns jetzt nieder.

Auschwitz/Berlin, 09.08.2018    



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