Nidal R. erschossen: Für ihn führte Berlin einst „Intensivtäter“ ein

60
0


Mit acht Schüssen, vier davon treffen innere Organe, endet am Sonntagnachmittag das Leben von Nidal R. – und damit eine der am besten dokumentierten kriminellen Laufbahnen Deutschlands. Am Tempelhofer Feld in
richten mehrere Männer den 36-jährigen staatenlosen Palästinenser regelrecht hin, flüchten anschließend unerkannt. Seine Frau und seine Kinder stehen daneben und müssen alles mit ansehen. Wenig später im Krankenhaus erliegt der Mann seinen schweren Verletzungen.

Hinweise auf die Täter haben die Ermittler noch nicht, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem stern sagte. Es gebe lediglich „Ermittlungsansätze“, denen nun nachgegangen werde. Die Schüsse seien aus einer Vierergruppe heraus abgegeben worden. Wie viele der Männer auch geschossen hätten, sei aber noch unklar. 

Nidal war einer der bekanntesten Verbrecher Berlins. Seit seiner frühen Jugend machte er immer wieder Schlagzeilen. Rund 14 Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis. Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Drogendelikte, Messerstechereien stehen in seiner Akte, und immer wieder: wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei. Dabei hatte Nidal nie einen Führerschein.

Er war gerade erst wieder einige Monate in Freiheit, nachdem er dreieinhalb Jahre abgesessen hatte, weil er im Sommer 2013 unter Einfluss von Alkohol und illegalen Drogen mit einem Porsche durch Berlin gerast war. Als Polizisten ihn bemerkten, hatte er Vollgas gegeben, auf seiner Flucht mehrere Autos demoliert, wie der „Tagesspiegel“ damals berichtete.

Nidal R.: Einer der bekanntesten Verbrecher Berlins

In der Organisierten Kriminalität von Berlin soll Nidal mehreren Medienberichten zufolge eine größere Rolle gespielt haben. Laut „Bild“ habe er sich zuletzt mit einem arabischen Familienclan verbündet. Einem Polizeisprecher zufolge sei er vor einigen Tagen vom Beamten gewarnt worden, dass womöglich ein Attentat auf ihn geplant sei.

Zahlreiche Nutzer bekunden auf der Facebook-Seite des Verstorbenen ihr Beileid

Zahlreiche Nutzer bekunden auf der Facebook-Seite des Verstorbenen ihr Beileid

Nidals kriminelle Karriere begann bereits im Kindesalter. 1990 kam er als Achtjähriger nach Deutschland. Laut „Vice“ wurde der Flüchtling aus dem Libanon zwei Jahre später das erste Mal straffällig. Mehrere Anzeigen und Verurteilungen folgen, wie auch  „Der Spiegel“ 2003 über das „schwere Kaliber“ berichtete: 

  • 23 Monate Haft wegen einer Messerstecherei Anfang 1997, Nidal ist damals 14 Jahre alt
  • Drei Jahre für eine Messerattacke Ende 1998
  • Vier Jahre und sechs Monate, weil er sich 2001 ohne Führerschein eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte, nach einem Unfall Fahrerflucht beging, später seine Zelle verwüstete und sich mit Justizvollzugsbeamten schlug

Bundesweit bekannt wurde der damals 20-Jährige 2002, weil ein LKA-Mann seine verbrecherischen Aktivitäten im Fachblatt „Kiminalistik“ leicht anonymisiert aufbereitet und veröffentlicht hatte. Der Beamte wollte damit auf den in seinen Augen zu laschen Umgang mit dem Wiederholungstäter hinweisen. Über 80 Einträge hatte er damals in seiner Akte, wie „Vice“ berichtet. In 52 von 60 Fällen hätten Gerichte Haftverschonung oder Bewährung verhängt. Als Reaktion auf den „Kriminalistik“-Artikel habe der Justizsenator die Intensivtäterabteilung bei der
gegründet.

2008 wurde Nidal erneut verurteilt. Insgesamt drei Jahre und drei Monate musste er damals in Haft. Schuldig sprach ihn das Gericht wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in sieben Fällen, wegen mehreren Körperverletzungsdelikten, versuchten schweren Diebstahls und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, wie auf der Webseite der Berliner Gerichte zu erfahren ist.

Nidal R.: Viele Freunde, viele Feinde

Nidal R. sollte mehrfach abgeschoben werden, doch der Libanon weigerte sich, den Staatenlosen aufzunehmen. Mit seiner Karriere in der Berliner Unterwelt machte er sich auch in Verbrecherkreisen nicht nur Freunde. 2010 wurde aus einem
heraus auf ihn und seinen Bruder geschossen. Zwei Kugeln verletzten ihn am Bein. „Bild“-Polizeireporter Peter Rossberg schrieb auf Twitter. in der Berliner Verbrecherszene gebe es „keinen, der gleichzeitig so viele Freunde wie Feinde hatte“. Manchmal habe dies „wöchentlich gewechselt“ bei Nidal.

Auf seiner Facebookseite, die nach den tödlichen Schüssen vom Wochenende bereits in den Erinnerungsmodus versetzt wurde, bekunden zahlreiche Bekannte ihr Mitleid für die Familie und ihre Trauer über den Tod von Nidal. Vor dem Krankenhaus, in das der Schwerverletzte gebracht worden war, versammelte sich am Sonntagabend eine aufgebrachte Menge. Mit einem Großaufgebot bewachte die Polizei das Gebäude – rund 150 Menschen hatten sich davor versammelt. 

Ob der aufgeheizten Situation befürchten Berliner Beamte Racheaktionen. Der Chef der Abteilung für Organisierte Kriminalität beim LKA sagte am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses: „Wir versuchen mit allen Mitteln, Gegenreaktionen zu verhindern.“ Die Beamten sendeten „deutliche Signale“ in die Szene und hätten die bekannten Angehörigen deutsch-arabischer Großfamilien im Blick. Am Sonntag soll Nidal R. beerdigt werden.

Organisiertes Verbrechen: Das sind die neuen Methoden der Mafia





Quelle: