Ein Nachmittag in der DRK-Kleiderkammer Wildeshausen

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Wildeshausen – Von Ove Bornholt. Viele Reaktionen haben unsere Zeitung zu dem vergangene Woche veröffentlichten Artikel „Kleiderkammer plant Öffnungstag nur für Deutsche“ erreicht. Unter anderem wurde dem verantwortlichen Redakteur nahegelegt, doch mal dort mitzuarbeiten. Das ist am Donnerstagnachmittag geschehen.

Nur Minuten nach der Eröffnung der DRK-Kleiderkammer am Grünen Weg in Wildeshausen suchen mehr als 60 Menschen auf der Verkaufsfläche nach Pullovern, T-Shirts, Röcken und Hosen. Ein babylonisches Sprachgewirr ist zu hören, während die ehrenamtlichen Mitarbeiter im Nebenraum Kleidung aus den Containern am Gebäude sortieren. 

Nur fünf Minuten nach der Eröffnung suchen die Kunden nach den besten Kleidungsstücken. Nach etwa einer Stunde ebbt der Ansturm ab.

© Bornholt

An der Kasse suchen ältere Damen nach Kleingeld, andere Kunden steigen schon wieder in ihre Mercedes-Limousine. Ein dubioser Händler fährt mit seinem verbeulten weißen Ford Transit mit bulgarischem Kennzeichen vor, um auf eigene Rechnung Klamotten zu verkaufen. Er braust davon, als die DRK-Mitarbeiter ihn bemerken. Später sitzen die Damen in der Küche, scherzen, lachen und essen selbstgebackenen Pflaumenkuchen. Es ist ein ganz „normaler“ Nachmittag in der DRK-Kleiderkammer.

„Wir haben nichts gegen Ausländer“, stellt Anita Brengelmann sofort klar. Die 58-jährige Neerstedterin steht gerade an der Kasse. Im Sekundentakt kommen Leute mit ihren Einkäufen. Routiniert greift Brengelmann nach den Waren, addiert für jedes Stück im Kopf den Preis. 

Die Mitarbeiterinnen sortieren die neue Kleidung: von der Judojacke bis zum Poloshirt des Golfclubs und schwarzen Büstenhaltern.

© Bornholt

„15 Euro“, sagt sie zu einer Frau und zeigt die Zahl mit den Fingern. Das verstehen die Kunden, die nur kleine Beträge für die Klamotten zahlen müssen: 50 Cent für einen Schal, einen Euro für einen Pullover und fünf Euro für eine Winterjacke. Brengelmann kennt die Preise auswendig und drückt auch mal ein Auge zu. Vor allem bei Kindersachen.

Unter den Käufern sind ein paar Einheimische, ansonsten viele Bulgaren und Rumänen, aber auch Menschen aus dem Nahen Osten und Asiaten. Offenbar fühlten sich viele Deutsche angesichts der Ausländer unwohl und kamen nicht mehr zur Kleiderkammer. Deswegen hatte die Leitung, wie berichtet, einen zusätzlichen Öffnungstag nur für Deutsche geplant, nachdem die Einrichtung Ende dieses Jahres in die derzeit im Bau befindliche Halle am Bahnhof umgezogen ist.

Das Thema wurde zum Beispiel auf der Facebook-Seite unserer Zeitung intensiv diskutiert und ist auch intern umstritten. Leiterin Sylvia Ebinger betont, dass es viele deutsche Sozialhilfebezieher gibt, die sich nicht mehr trauen, zur Kleiderkammer zu gehen. Sie will diese Menschen zurückgewinnen. 

Eine größere Gruppe wartet vor dem Eingang der Kleiderkammer.

© Bornholt

Allerdings hat sie sich jetzt entschieden, am zweiten Öffnungstag nicht mehr nur an Deutsche zu verkaufen. „Uns sind alle Nationalitäten willkommen“, betont sie. Die 70-Jährige ist genau wie ihre 22 Kolleginnen mit Herzblut dabei. Viele verbringen viel Zeit in der Einrichtung, sind teilweise jeden Tag vor Ort.

Und auch die Frauen selbst sind ein bunter Haufen: Die eine trägt ein Kopftuch, die andere spricht mit russischem Akzent, viele kommen aus der Gemeinde Dötlingen und sogar aus Goldenstedt. An Donnerstagen, wenn die Kammer öffnet, leisten sie harte Arbeit, leeren die Container, sortieren die Klamotten, beraten Kunden, kassieren und müssen immer mit dem Unerwarteten rechnen. 

An der Kasse geht alles zügig. Die Mitarbeiter nehmen die Kleidung und packen sie in Beutel. Dann wird bezahlt.

© Bornholt

Ein Anruf kommt rein. „Ob ein Herr Abdullah da ist?“ Dann steht ein Lastwagenfahrer in der Tür. Sein Truck kann nicht vorbeifahren, weil das Auto eines Kunden den Weg blockiert. Inmitten dieses Chaos schaffen es die Frauen, die sich als Gemeinschaft der Gleichen verstehen, durchaus Spaß zu haben und Freude zu entwickeln.

Das liegt auch an den Kunden. Zum Beispiel der alten Dame, die Kuscheltiere und kurze Kinderhosen, vermutlich für ihre Enkel, einpackt. Oder der Seniorin, die schon seit zehn Jahren kommt. Ihre Einkäufe braucht sie nicht nach Hause zu schleppen. Das übernimmt eine junge Frau aus dem Nahen Osten – man hilft sich eben.

Wer mag, kann sich dem Team der Kleiderkammer anschließen. Der DRK-Kreisverband in Hude vermittelt Kontakt (Telefon 04408/93910).



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