Gartenvereine in Dessau verhängen Aufnahmestopp für Ausländer

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Dessau-Roßlau –

Sein eigener Garten: Wo man sich die Sonne auf die Haut scheinen lassen, den Kindern beim Spielen auf dem saftigen Grün zusehen kann. Ein kleiner, aber feiner Ort, um die Seele baumeln zu lassen – mitten in der Stadt. Mehr will Hassan Tonbari für sich und seine Familie gar nicht. In der syrischen Hauptstadt Damaskus betrieb er eine Gärtnerei. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau und den drei Kindern in einer Wohnung in der Dessauer Innenstadt. „Ein bisschen eigenes Grün würde gerade den Kindern guttun“, sagt er. Doch die Erfüllung dieses Traums bleibt Tonbari vorerst verwehrt.

Kleingartenanlage „Muldestrand“ in Dessau hat Aufnahmestopp für Ausländer beschlossen

Er platzte, als der Pachtvertrag in der Kleingartenanlage „Muldestrand“ unterschrieben werden sollte. Der Verein hat einen Aufnahmestopp für Ausländer beschlossen. Der Fall ist einer von aktuell zwei bekannten in Dessau, in denen Gartenvereine ausländische Familien abweisen.

Auch der Verein „Flora“ fasste einen solchen Beschluss – seitdem können dort keine weiteren Ausländer einen Garten pachten. Begründet wird dies mit Konflikten im Zusammenleben und einer drohenden Überforderung bei der Integration.

In wie vielen Dessauer Gartenvereinen ähnlich verfahren wird, ist unklar. Dem Stadtverband der Gartenfreunde mit 77 Vereinen liegen keine Zahlen dazu vor.

Beschluss im Frühjahr war auf Drängen der Mitglieder gefasst worden

Im Kleingartenverein „Muldestrand“ war der Beschluss auf Drängen der Mitglieder im Frühjahr gefasst worden. „Einige hatten von Vorfällen aus anderen Anlagen gehört. Es ging um vernachlässigte Gärten, um Lärm, um Verständigungsschwierigkeiten. In einem Fall hatte ein Mann einen Zaun als Sichtschutz gebaut“, sagt Vereinsvorsitzende Ilona Coradini. Diese Berichte vom Hörensagen hatten den Ausschlag für eine mehrheitliche Entscheidung zu einem Aufnahmestopp gegeben. Coradini hatte ihn nicht befürwortet. „Die Mitglieder wollten aber eine prophylaktische Maßnahme.“ Der Verein selbst habe bisher keine negativen Erfahrungen mit ausländischen Mitgliedern gemacht, sagt die Vereinschefin. Von 50Parzellen sind drei an vietnamesische Familien verpachtet. Coradini betont auch: „Wir sind nicht rassistisch oder ausländerfeindlich“, Der Aufnahmestopp gilt für ein Jahr, im nächsten Frühjahr solle erneut abgestimmt werden.

In der „Flora“ sind 20 von 217 Gärten an syrische Familien vermietet, sieben weitere unter anderem an Russen und Vietnamesen. Mehr Verpachtungen an Ausländer würden den Verein überfordern, sagt der Vorsitzende Bernd Geyer. „Man kann viel voneinander lernen.“ Es seien aber unterschiedliche Kulturen. „Wenn spätabends unsere langjährigen Gartenfreunde Ruhe und Erholung suchen, werden unsere syrischen Mitbürger erst richtig aktiv.“ Einem syrischen Gartenpächter hatte der Verein wegen Ruhestörungen und einem Lagerfeuer gekündigt.

Keine Kleingärten für Ausländer? Andere Vereine machen positive Erfahrungen

Andere Vereine machen positive Erfahrungen. Hans-Otto Buchholz, Chef des Kleingartenvereins „Eichenbreite“, sieht keinen Anlass für einen Ausschluss von Migranten. Seit 2017 hat der Verein mit mehr als 300 Parzellen sechs Familien aus dem Irak, Syrien und Afghanistan aufgenommen. „Wir haben genug freie Gärten und sind froh über Zuwachs.“ Deshalb zögerte er nicht, einer afghanischen Familie aufzunehmen, die in der „Flora“ keinen Garten bekam.

Joachim Ullrich, Stadtverbandschef der Gartenfreunde, kann den Aufnahmestopp nachvollziehen. „Wir wollen unseren Anteil zur Integration leisten. Aber wenn einzelne Vereine sich nicht in der Lage sehen, mehr Flüchtlinge zu integrieren, muss man das akzeptieren.“

Bei der Dessauer Netzwerkstelle für ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe stößt das auf massive Kritik. „Damit werden Menschen ausgegrenzt. Und ich befürchte, dass sich diese Meinung in Dessau verfestigt“, sagt die Koordinatorin Sharifa Minhel. (mz)





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