Max Klein: „Ich konvertiere jetzt“

26
0

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie „Überland“. Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D18

An das erste Weihnachten als Muslim erinnert sich Max Klein noch gut. Er war 17 und saß mit seiner Familie im Restaurant. Auf dem Tisch brannten Kerzen, eine Kellnerin servierte Gemüse, Hähnchen und Schweinebraten.

Max füllte sich Brokkoli und Kartoffeln auf den Teller. Das Fleisch ließ er liegen, denn der Islam verbietet es, Hühnerfleisch zu essen, das neben Schweinefleisch liegt. Seine Großmutter, erzählt Max heute, habe daraufhin auf seinen Teller geschaut, ihm die Fleischplatte rübergeschoben und gefragt: „Max, bist du jetzt eigentlich wieder normal?“

Seither haben Enkel und Großmutter nie wieder über sein Bekenntnis zum Islam gesprochen. Sie fragt nicht, und er erzählt nicht. Denn Max ist bis heute nicht geworden, was seine Großmutter normal nennt. Er glaubt noch immer an Allah, seit zweieinhalb Jahren.

Max ist heute 19 Jahre alt. Er lebt in Lüchow, einer Kleinstadt im Wendland. Als Konvertit ist er im Ort bekannt, und er will, dass man ihn auch als solchen erkennt. Wann immer er das Haus verlässt, bedeckt er sein kurz geschorenes rötliches Haar mit einer Gebetskappe. An manchen Tagen hüllt er sich ganz in weiße Leinenkleider. Begrüßt er eine Frau, gibt er ihr nicht die Hand, sondern legt sie auf seine linke Brust und verbeugt sich. Das andere Geschlecht soll unberührt bleiben – so sei es Sitte im Islam, sagt Max.

Er hat sich entschieden, zu zeigen, was er glaubt. Und er will darüber sprechen, auch mit Journalisten. Er verwendet dabei oft die Wörter „Glück“ und „Zufriedenheit“. Und er spricht vom Glauben „mit ganzem Herzen“ und einem „Leben für Allah“. Er sagt Sätze wie: „Als Muslim bin ich zufriedener, glücklicher.“ Und: „Alles, was Schlechtes passiert ist, hat etwas Gutes nach sich gezogen.“

Sein Leben hat jetzt feste Regeln

Es ist die Seite seiner Geschichte, über die Max am liebsten spricht, die er ausschmückt und manchmal überhöht zu einer Heilsgeschichte. Doch wie in allen Geschichten gibt es eine andere Seite.

Sie handelt von verlorenen Freunden. Von einer Oma, die ihren Enkel nicht mehr normal findet. Und von dem Gefühl, als Muslim gemieden zu werden. Max spricht auch darüber. „Denn ein Muslim darf nicht lügen“, sagt er. Und doch kommt er am Ende immer wieder zu der Geschichte vom glücklichen Konvertiten zurück. Er sagt: „Ich habe als Muslim zwar viel verloren, aber noch viel mehr gewonnen.“

Max sitzt im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerboden. Während er spricht, schließt er für einen Moment die Augen. „Wie soll ich das am besten beschreiben?“ Das Leben, sagt Max, fühle sich als Muslim ganz anders an: fester, stärker. Er bete jetzt fünfmal am Tag, gehe jeden Abend in die Moschee, verzichte auf Alkohol und Sex. „Ich lerne jetzt Arabisch und studiere den Koran.“ Endlich habe sein Leben feste Regeln. Die Gebete, sagt er mit leiser Stimme, seien „Momente, in denen ich wirklich glücklich bin“.

Glück gab es auch in seinem alten Leben. Schön war die Kindheit, sagt Max. Sein Onkel lehrte ihn das Fährtenlesen und wie man ein Feuer ohne Feuerzeug macht. Er schloss Ponys in sein Herz, zapfte Bier beim Dorffest und träumte davon, eines Tages Polizist zu werden wie sein Vater. Wie andere Jugendliche im Ort begann er, Bier und Schnaps zu trinken und Marihuana zu rauchen. Irgendwann hatte er seine erste Freundin und das erste Mal Sex. „Eine fast normale Jugend im Wendland eben“, sagt Max.

 

Und doch war etwas anders. Er nennt es das „schwarze Loch“. Max weiß nicht, wo er herkommt. Als Baby haben ihn seine Eltern adoptiert. Als er sechs Jahre alt war, erzählten sie ihm davon. „Damals hab ich’s nicht verstanden“, sagt Max. Doch das Gefühl, dass da „irgendwas fehlt“, habe ihn nicht mehr losgelassen. Mit 16 begann er, nach seiner leiblichen Mutter zu suchen. Was daraus wurde, darüber will er nicht sprechen. Nur, dass er seine Schwestern kennengelernt habe, erzählt er. Und dass das Treffen gut für ihn gewesen sei.

Wenn Max davon erzählt, lässt er sich seine Gefühle nicht anmerken. Manchmal wirkt es so, als berichte er nicht über sein eigenes Leben, sondern über das eines Fremden. Er sagt: „Im Islam geht es darum, sich selbst zu kontrollieren.“ Fragt man ihn, ob das „schwarze Loch“ ein Grund sein könnte für sein Bekenntnis zum Islam, winkt er ab: „Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal.“

Quelle:

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein