Murat Kurnaz wartet noch immer auf Gerechtigkeit

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Interview

Es ist der Ort, an dem es keine Gerechtigkeit zu geben scheint. Das Gefangenenlager Guantánamo hat den Bremer Murat Kurnaz geprägt, aber nicht gebrochen.

Murat Kurnaz

 

Kurat Kurnaz war im Gefängnis der US-Streitkräfte Guantánamo inhaftiert.

Bild: Imago | Eckhard Stengel

Auf einer Reise nach Pakistan wird der gebürtige Bremer Murat Kurnaz im November 2001 bei einer Routinekontrolle von der pakistanischen Polizei festgenommen. Das Militär übergibt ihn an die US-Streitkräfte in Afghanistan. Im Januar 2002 wird er zur US-Basis auf Kuba gebracht. Deutsche Behörden sehen sich insbesondere aufgrund seiner türkischen Staatsbürgerschaft als nicht zuständig und 2006 soll ihm nach seiner Entlassung entsprechend die Einreise verweigert werden. Heute lebt er wieder in Bremen und Gerechtigkeit ist das zentrale Thema seines Lebens. Als gläubiger Muslim und als Ex-Guantánamo-Häftling.

Was macht es mit dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden, wenn man sich plötzlich ohne Anklage und auf zunächst unbestimmte Zeit in einem Lager wie dem in Guantánamo wiederfindet?
Ich bekam einen orangen Overall – das Zeichen für lebenslänglich. Und den Gefangenen wurde gesagt, dass hier Endstation ist und man hier sterben werde. Ich konnte und wollte das nicht glauben. Ich habe auch in den dunkelsten Stunden immer daran geglaubt, dass dieser Alptraum ein Ende haben muss. Geholfen hat mir mein Glauben, meine Geduld, meine Gedanken an die Familie, meine vergleichsweise starke Physis, kleine Gesten der Solidarität und Unterstützung unter den Gefangenen und die Tatsache, dass es selbst unter den Wärtern Leute gab, die keinen Spaß daran hatten uns zu quälen. Kleine Gesten der Mitmenschlichkeit können eine große Kraft entfalten.
Nachdem ein US-Gericht 2005 Ihre Unschuld anerkannte und Sie nach Bremen zurückkehren konnten: Gab es Entschuldigungen oder Entschädigungsangebote?
Ich habe auch nach meiner Entlassung keine Gerechtigkeit erfahren. Ein Teil der Medien hatte ein Zerrbild von mir gezeichnet, so dass mein Start nach der Freilassung nicht einfach war. Die für meinen Fall verantwortlichen Politiker haben versagt und trotzdem Karriere gemacht. Bei korrektem Verhalten hätte ich schon vier Jahre eher nach Deutschland kommen können. Niemand der Verantwortlichen hat sich für die fünf Jahre in der Hölle je bei mir entschuldigt, es gab auch keine Entschädigung. Und die für die Folter in Guantánamo verantwortlichen Personen in den USA sind nie angeklagt worden.
Trotzdem gab es viele Momente, die positiv waren, und über die ich mich sehr gefreut habe. Dies betrifft vor allem die Begegnung mit zahlreichen Menschen aller Glaubensrichtungen, die sich für die Menschenrechte engagieren.
Der langjährige Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz erscheint am Mittwoch (22.11.2006) vor dem CIA-Sonderausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel.

 

Murat Kurnaz

Bild: DPA | Thierry Monasse
Was heißt „gerecht“ für Sie?
Mein Gefühl für Gerechtigkeit ist erst in der Haftzeit richtig geschärft worden. Ja, ich bin aufmerksamer gegenüber Ungerechtigkeiten geworden und versuche anderen zu helfen, die ungerecht behandelt werden. Ich habe mich seit meiner Entlassung unter anderem mit Amnesty International intensiv für die Auflösung von Sondergefängnissen, gegen Folter und für fairen rechtsstaatlichen Umgang mit Gefangenen eingesetzt. Für Guantanamo heißt das: Freilassung oder Anklage in einem fairen Verfahren. Zeitloses Wegsperren ohne Richter ist illegales Mittelalter.

Der Fall Kurnaz in Politik und Medien

Der Fall Kurnaz beschäftigte zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages. Murat Kurnaz wurde außerdem vom US-Kongress zu der Haftzeit befragt. Das Gutachten des Bundesinnenministeriums, das 2002 dafür gesorgt hat, dass sich die Bundesrepublik für „nicht zuständig“ für Murat Kurnaz hielt, wurde vom damaligen Referatsleiter Hans-Georg Maaßen erstellt, der später Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz wurde. Der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier ist inzwischen Bundespräsident. Der damalige Bremer Innensenator Thomas Röwekamp, der Kurnaz‘ Rückkehr mit dem Verweis auf dessen erloschene Aufenthaltsgenehmigung zunächst ablehnte, räumte 2011 im „Weser-Kurier“ ein, dass Murat Kurnaz „Unrecht getan wurde“, eine entschuldigende Einlassung von ihm gab es nicht. Einzig Henning Scherf, damals Bremens Bürgermeister, bekannte sich später öffentlich dazu, die damalige Haltung Bremens sei aus heutiger Sicht eine „große Peinlichkeit“ gewesen.

2007 erschien die Autobiographie von Murat Kurnaz, „Fünf Jahre meines Lebens“. Sein Buch wurde 2013 außerdem verfilmt. 2008 war seine Geschichte Vorlage für den Spionagethriller „Marionetten“ von John le Carré.

Dieses Thema im Programm:
Bremen Eins, Der Tag, 16. November 2018, 23:30 Uhr

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