Ein mörderischer Sommer in Frankreich

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Eine Reihe unterschiedlich motivierter Messerattacken sorgt bei unserem westlichen Nachbarn für eine heftige Mediendebatte. Rechte Stimmen heben die Herkunft der Täter hervor, Linke die sich häufenden Opfer rassistischer Gewalt.

Stefan Brändle, Paris

Polizisten sichern den Tatort einer Messerstecherei in Périgueux. (Bild: Arnaud Loth/Keystone; 13. August 2018)

Polizisten sichern den Tatort einer Messerstecherei in Périgueux. (Bild: Arnaud Loth/Keystone; 13. August 2018)

Es war am vergangenen Montag gegen 18 Uhr, als ein hyper­nervöser Mann mit nacktem Ober­körper in Périgueux (Zentralfrankreich) mehrere junge Frauen ­belästigte. Passanten versuchten einzugreifen. Deren vier erlitten Messerstiche und wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Gewalttat aus heiterem Himmel im schönen Périgord-Gebiet war lediglich die vorläufig letzte einer blutigen Serie. In der Alpenstadt Grenoble wurde Ende Juli ein junger Franzose erstochen, als er eine Freundin vor zwei Angreifern zu schützen versuchte. Anfang August tötete ein in einen Bus einsteigender Radfahrer in Paris-Clignancourt auf die gleiche Weise einen 50-jährigen Passagier, der ihn darauf aufmerksam machen wollte, dass Velos auf der Linie 255 untersagt sind.

Zurückhaltende Berichterstattung

Weitere Fälle ereigneten sich in der Pariser Vorstadt Melun, wo ein Mann die Polizisten bei einer Routinekontrolle mit einer Stichwaffe anfiel. Im südfranzösischen Nîmes attackierte ein Häftling einen Gefängniswächter vor einer Woche auf die gleiche Weise. Die Liste liesse sich verlängern. Die französischen Medien sprechen mit Verweis auf einen Kultkrimi von 1983 von einem «été meurtrier», einem mörderischen Sommer. Ansonsten berichten sie eher zurückhaltend über die einzelnen Ereignisse. In den sozialen Medien wird ihnen häufig vorgeworfen, sie verschwiegen die Identität der Täter.

In Périgueux handelte es sich um einen 19-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. Doch ist das eine relevante Information? Die Frage ist stark politisiert. In Grenoble reichte die rechtsextreme Gruppe «Génération Identitaire» (im deutschsprachigen Raum auch als «Identitäre Bewegung» präsent) die maghrebinischen Namen der beiden Angreifer des Niedergestochenen nach. Dessen Eltern kritisierten «diese politische Vereinnahmung». Vom Radfahrer der Buslinie 255 nennen die Behörden nur sein Alter (30) und frühere Verurteilungen wegen Raub. Das lässt die Gerüchteküche in den sozialen Medien brodeln: «Wer trägt jeweils ein Messer auf sich?», fragte andeutungsvoll ein Forumsteilnehmer, der sich über Islamisten ausliess.

Die Frage nach den wirklichen Opfern

Die mutmasslichen Täter sind in Haft. Polizei und Justiz schliessen terroristische Motive in allen Fällen aus. Diese fast schon rituelle Klarstellung seit den schweren Attentaten von 2015 und 2016 wird aber von rechts in Frage ­gestellt. «Auch wenn diese Akte nicht eigentlich ‹terroristisch› sind, verwerfen die Täter doch unbestreitbar die Werte der Republik», schreibt etwa das Magazin «causeur». «Die Ablehnung der Bürgerlichkeit und der Loyalität gegenüber der Republik finden ihren einfachsten, sichtbarsten und wirksamsten Ausdruck im Durchschneiden der Kehle.»

Pressekommentare über die «Verwilderung der Gesellschaft» und die «Banalisierung der Barbarei» werden diese Woche in den sozialen Medien weit über die politischen Lager hinweg geteilt.

Das linke Newsportal «Mediapart» präzisiert allerdings, auf die mit dem Finger gezeigten Bevölkerungskreise seien oft nicht die wirklichen Täter, sondern Opfer der Gewalt. Anlass für die Bemerkung ist ein neuer Fall in der burgundischen Weinstadt Beaune. Dort schossen zwei Kriminelle vor Wochenfrist auf sieben junge Maghrebiner und verletzten sie teils lebensgefährlich. Laut Augenzeugen riefen sie «sales bougnouls» («Drecksaraber»).

Einiges ist noch unklar an dieser Attacke, an deren Ursprung offenbar ein streitiger Autodeal steht. Der Staatsanwalt eröffnete indessen ein Verfahren wegen Mordversuchs «mit rassistischem Charakter». Internetgerüchte, bei den Tätern handle es sich um Fahrende, bezeichnete der Chefermittler als «pure Desinformation».

Tatsache ist, dass das koloniale Schimpfwort «bougnoul» in Frankreich heute wieder häufiger zu hören ist als auch schon. Im Loire-Tal wurde eine algerische Mutter auf diese Weise beschimpft und dann niedergeschlagen, als sie mit ihren zwei Kleinkindern spazierte und eine Frau aufforderte, ihren Hund an die Leine zu nehmen. Südlich von Bordeaux erschoss ein Nachbar einen Familienvater marokkanischer Herkunft, wobei er ihn als «Sch….araber» beschimpfte, nachdem der Ball eines Kindes in seinen Garten geflogen war.

Die Kommunistische Partei führt diese Fälle auf ein «zunehmendes Klima des Hasses» zurück, wie sie in einer Mitteilung schreibt. «Wenn sich der Rassismus über die Sprache befreit und jenen Politikern folgt, die in der extremen Rechten auf Fischfang gehen, macht dies den Übergang zur Gewalt erst möglich.» Diese Erfahrung machte auch der elsässische Hobbyfussballer Kerfalla Sissoko, der mit seinem Klub bei dem einschlägig als rechts bekannten Gegner AS Mackenheim antrat und dort von Spielern und Zuschauern rassistisch beleidigt und mit einem Kieferbruch ins Spital eingeliefert wurde.

«Grundton der Gewalt»

Die Pariser Liga gegen den Rassismus und Antisemitismus (Licra) begrüsst das entschlossene Eingreifen von Polizei und Justiz; sie beklagt hingegen, dass «diese gewalttätigen Vorfälle im populistischen Europa heute einen immer eindeutigeren Grundton» der Gewalt aufwiesen. Und zwar egal, ob die Aggressoren «Allah Akbar» oder «Tod den Arabern» riefen.



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