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Islam und Evolutionslehre

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Von Affen und Allah
Vor 160 Jahren zeigte Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie, wie die Arten entstanden sind. Nämlich durch Entwicklung, Zufall und Anpassung an die Umwelt. Die katholische Kirche hat lange gebraucht, um diese Erkenntnis zu akzeptieren. Im Islam tun sich noch heute viele schwer damit.

Von Michael Hollenbach

Mirza Masroor Ahmad ist der Kalif der muslimischen Religionsgemeinschaft der Ahmadiyya. Das geistliche Oberhaupt von rund zwölf Millionen Muslimen erklärt die menschliche Entwicklung so:

„Die Theorie von Darwin stimmt nicht. Auf jeden Fall stammen wir nicht vom Affen ab. Ja, es hat eine Evolution gegeben, der Mensch hat sich weiterentwickelt. Jedoch gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Menschen und dem Affen. Der Mensch hatte seine eigene Entwicklung, unabhängig von Tieren. Prüft es doch allein daran, dass es noch heute Affen gibt – und wieso fand bei diesen keine Evolution statt?“

Diese Ansicht sei unter muslimischen Geistlichen sehr verbreitet, sagt Michael Blume. Dabei verweist der Religionswissenschaftler darauf, dass der Koran – im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Tradition – keine zusammenhängende Schöpfungsgeschichte kennt:

„Die Schöpfungslehre im Koran ist weniger spezifisch als in der Bibel. Da wird gesagt, dass der Mensch in Stufen geschaffen wurde oder dass er aus einem Tropfen Blut geformt sei.“

Westliche Wissenschaft gilt als gefährlich

Doch der dramatische islamische Sündenfall – so Michael Blume – geschah Ende des 15. Jahrhunderts, als Sultan Bayezid II. den Buchdruck in arabischer Schrift bei Androhung der Todesstrafe verbot. Der Beginn eines bis heute währenden Erstarrungsprozesses in der islamischen Wissenschaft.

„Da setzt sich unter Muslimen das Motiv durch, dass westliches Wissen gefährlich und verschwörerisch, atheistisch, materialistisch sei.“

Dies zeige sich etwa bei der nigerianischen Terrororganisation Boko Haram, deren Name übersetzt so viel bedeutet wie: Westliches Wissen, westliche Bildung ist verboten. Diese Haltung sei keineswegs aus dem Koran abzuleiten, meint der Religionswissenschaftler und Buchautor Michael Blume. Doch das Misstrauen gegen die aus dem Westen beziehungsweise Norden kommende Wissenschaft ist groß.

Türkei streicht Evolution aus den Lehrplänen

Das lässt sich auch in der Türkei beobachten, insbesondere, seitdem Recep Tayyip Erdoğan und seine konservative AKP die Macht übernommen haben. So habe sich etwa die Zahl der religiösen Imam-Hatip-Schulen innerhalb von 15 Jahren verfünffacht auf jetzt 1250 Schulen. Und im vergangenen Jahr wurde die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen aller Schulen des Landes gestrichen.

„Die Türkei ist ein Beispiel für einen Staat, der ganz massiv durch Verschwörungsglauben geprägt ist. Und es führt dazu, dass in diesem Klima eine sachliche Debatte über Wissenschaft kaum stattfinden kann und dass sich auch Wissenschaftler, die sich zur Evolutionstheorie bekennen, unheimlicher Gefahr aussetzen.“

Ein Klima, in dem der ehemalige Mufti und spätere Religionskritiker Turan Dursun vor allem wegen seines Eintretens für die Evolutionstheorie 1990 durch Islamisten in Istanbul ermordet wurde.

Darwin oder Koran?

Auch in der muslimischen Community in Deutschland ist das Misstrauen gegen die Evolutionslehre weit verbreitet, weiß Enez. Der 27-Jährige, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, studiert islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück:

„Die traditionelle Schöpfungslehre vom Koran ist immer noch präsenter als die Evolutionstheorie. Das hängt damit zusammen, dass meine Elterngeneration gar nicht den Bedarf hatte, sich mit der Evolutionstheorie auseinanderzusetzen.“

Nicht den Bedarf, und oft auch kaum die Möglichkeit in den eher bildungsfernen türkischstämmigen Einwandererfamilien. In den Koranschulen der Moscheegemeinden und selbst im sogenannten türkischen Konsulatsunterricht deutscher Schulen erfahren die Kinder und Jugendlichen nur etwas von der islamischen Schöpfungslehre, sagt Engin Deniz Yorulmaz. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Braunschweiger Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung.

„Seit 40 Jahren werden Lehrer aus der Türkei in die Schulen geschickt, um den muttersprachlichen Unterricht zu führen – und das mit türkischen Lehrbüchern. Der muttersprachliche Unterricht soll dazu dienen, dass die Kinder, die hier aufwachsen, die Muttersprache lernen, aber es war eher ein religiös-nationalistisch ausgerichteter Unterricht. Es ist so, dass diese religiöse Ausrichtung sehr präsent war in den Schulen in Deutschland.“

In den Kultusministerien der Länder ist mittlerweile das Bewusstsein dafür entstanden, stärker auf die Inhalte zu achten, die den rund 40 000 Schülern im muttersprachlichen Unterricht durch türkische Lehrer vermittelt werden.

Aufgabe für islamische Religionslehrer

Große Hoffnung setzt man auch auf die hiesige Ausbildung der künftigen islamischen Religionslehrer. Die Islamstudierenden, die meist aus traditionellen Familien stammen, erfahren an deutschen Universitäten oft erstmals eine kritische Auseinandersetzung mit dem Koran und ihrer Religion. Der Religionswissenschaftler Michael Blume:

„Es ist tatsächlich so, dass Studierende der islamischen Theologie teilweise in einer Generation den Sprung machen, den man in Europa in zwei, drei Jahrhunderten gemacht hat. Ein Professor der islamischen Theologie hat mir das mal sehr ergreifend geschildert, wie die Studierenden ihn gebeten haben, er solle sie nicht immer auffordern, selber Verse auszulegen. Er sei doch der Professor, er solle sagen, was richtig ist.“

Den Bruch zwischen der Schöpfungslehre, wie sie im Koran steht, die den Menschen als von Gott erschaffen begreift, und der Evolutionstheorie, für die der Mensch ein Zufallsprodukt der Entwicklung ist, gerade diesen Bruch empfinden viele muslimische Studierende als große Herausforderung. Und sie brauchten dafür mehr Unterstützung, meint der Student Enez:

„Da ist die islamische Theologie noch ausbaufähig, wo die Evolutionstheorie auch kommentiert werden müsste, woran man noch arbeiten könnte.“

Jörg Ballnus begleitet am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie als Dozent die angehenden Religionslehrerinnen und -lehrer. Er hat die Lehrpläne der Bundesländer im Blick. Dort sei meist – entsprechend dem religionspsychologischen Entwicklungsmodell – vorgesehen, dass sich die Schüler in den Klassen fünf und sechs zunächst mit der religiösen Schöpfungslehre befassen, bevor dann in der neunten und zehnten Klasse die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie unterrichtet werde. Ballnus plädiert für ein Dialogmodell zwischen Naturwissenschaften und Theologie.

„Selbstverständlich möchten wir auch mithelfen, dass die verschiedenen Perspektiven der Welterklärung – naturwissenschaftlich, theologisch, komplementär – am Lernort Schule zusammenkommen. Das ist auch die Aufgabe des Religionsunterrichts.“

Eines islamischen Religionsunterrichts, der zur Versöhnung zwischen Theologie und Naturwissenschaften beitragen könnte. Denn für den Religionswissenschaftler Michael Blume ist es entscheidend für die Zukunft des Islams, den Sprung in die Moderne zu vollziehen:

„Natürlich haben Sie im Volksislam die gleichen Verschwörungsmythen gegen Evolutionstheorien, aber Sie haben einerseits einen großen Teil im stillen Rückzug, die kein Problem mit der Evolutionstheorie haben, und Sie haben einen kleinen Teil religiös Gebildeter, die tatsächlich auch den Islam und die Evolutionstheorie miteinander vereinbaren.“

Quelle:
http://www.deutschlandfunk.de/islam-und-evolutionslehre-von-affen-und-allah.886.de.html?dram:article_id=407777