Freitag, Februar 23, 2018
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Warum die Kopftücher dieser Frauen durchsichtig sind

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Die Künstlerin Isra fordert, dass jede Muslima selbst entscheidet, wie sie ihren Hijab trägt

Als Isra Abdou elf Jahre alt war, packte sie auf dem Schulweg in Berlin ein junger Mann und griff ihr unters Kopftuch. Er fasste ihre Haare an, die sie mit ihrer Kopfbedeckung schützen wollte. Das Mädchen sprang erschrocken zur Seite, wusste nicht, wie es reagieren soll.

Warum hat der Mann das gemacht?

Das ließ sich nie aufklären. Aber der Vorfall machte etwas mit Isra. Heute ist sie 22 Jahre alt, arbeitet als Künstlerin und studiert in Berlin Kunst auf Lehramt. Ihren Hijab trägt sie immer noch:

Als Tochter ägyptischer Einwanderer wurde Isra in Deutschland geboren und wuchs auch hier auf. Seit sie zehn Jahre alt ist, bedeckt sie ihre Haare. Das bedeutet: Seit sie zehn Jahre alt ist, wird sie von anderen gehasst. Von Islamkritikern und von Muslimen. Weil sie alle zu wissen glauben, ob und wie sie ihr Kopftuch zu tragen hat.

Das bekam Isra auch nach der Schule noch oft zu spüren. Nun hat sie ihre Gedanken dazu in Fotos verarbeitet. Für ihr Projekt „REDA“ fotografierte sie Frauen mit Kopftüchern und Turbanen – allerdings sind die durchsichtig, sie deuten die Verschleierung nur an.

Die Frauen wirken stolz, schauen mal trotzig, mal selbstbewusst in die Kamera. Dass die Tücher aus transparentem Stoff bestehen, irritiert den Betrachter. Wir haben Isra gefragt, warum sie die Frauen so inszeniert hat.

Isra, warum sind die Tücher der Frauen durchsichtig?

Ich möchte zeigen, dass das Kopftuch keine Funktion mehr hat, sobald andere sich einmischen und man sich ihren Erwartungen unterwirft. Trage ich wirklich noch ein Kopftuch, wenn man mir vorschreibt, wie genau ich es tragen soll? Welchen Zweck erfüllt es dann überhaupt noch?

Welche Funktion hat dein Hijab für dich?

Ich führe eine Beziehung mit mir selbst, eine Art Liebesbeziehung. Damit meine ich: Ich respektiere mich selbst. Und ich frage mich: Wie viel von mir möchte ich anderen Menschen zeigen? Was möchte ich offenbaren?

Meine Haare sind ein wesentlicher Teil von mir – und ich möchte nicht, dass jeder sie sieht. Dabei geht es nicht nur um Männer, es gibt auch Frauen, die meine Haare nicht sehen sollen. Ich entscheide selbst, wem ich was von mir zeige. Und der Hijab hilft mir dabei, die Teile von mir zu verdecken, die eben nicht jeden was angehen.

Wie findest du es, wenn andere Menschen ihre Meinung dazu sagen?

Nicht in Ordnung. Ich finde, jeder sollte selbst bestimmen, was er trägt und was nicht. Wenn andere anfangen, sich einzumischen und mir erklären, ich würde mein Kopftuch falsch tragen oder sollte es doch besser abnehmen, dann hat das Tuch keine Bedeutung mehr. Ich würde mich selbst verraten, wenn ich auf sie hören würde und mein Hijab so tragen würde, wie andere es gern hätten.

Warum haben noch immer viele ein Problem mit Menschen, die Kopftücher tragen?

Die meisten verstehen oder wissen nicht, dass es durchaus Muslima gibt, die freiwillig Kopfbedeckungen tragen. Meine beste Freundin ist zum Beispiel aus einem Ort nach Berlin gezogen, in dem es extrem wenige Ausländer gab. Mein Hijab kam ihr fremd vor. Ich musste ihr erklären, dass es mit ihr nichts zu tun hat, dass sie sich nicht angegriffen fühlen muss. Angst vor „dem Anderen“ entsteht aus Ahnungslosigkeit und vielleicht auch aus dem fehlenden Interesse, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen.

Kommen Unverständnis und Hass eher von Deutschen – oder auch von Muslimen?

Da gibt es tatsächlich kaum einen Unterschied. Ich bekomme Hass von beiden Seiten zu spüren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Du trägst ein Kopftuch, du trägst dein Kopftuch falsch, zieh es ab.

Die meisten verstehen nicht, dass es durchaus Muslima gibt, die freiwillig Kopfbedeckungen tragen

Wie reagierst du auf Anfeindungen?

Wenn mich jemand auf dem Weg zur U-Bahn anpöbelt, dann möchte ich mich mit dieser Person nicht weiter beschäftigen. Wenn aber jemand ernsthaftes Interesse zeigt, dann nehme ich mir gerne die Zeit und beantworte Fragen.

Die Fotomodels auf deinen Bildern haben ganz unterschiedliche Ethnien. Warum?

Ich will mit dem Vorurteil aufräumen, dass nur Türken und Araber Muslime sind. Wenn man „Muslime“ sagt, denken viele sofort an „Nafri“, der Sammelbegriff der Polizei für Nordafrikaner, viele denken an Gastarbeiter – doch diese Verallgemeinerungen sind gefährlich. Ich habe zum Beispiel eine koreanische Freundin, die einen Turban trägt – einfach so, weil sie es will. Unter Kopfbedeckungen steckt Vielfalt. Das möchte ich deutlich machen.

http://www.bento.de/art/kopftuch-fuer-wen-trage-ich-hijab-isra-abdou-zeigt-fotos-ueber-den-islam-und-andere-kulturen-2042356/