Start Veranstaltung/ Reportage „Hitler war vom Islam fasziniert“

„Hitler war vom Islam fasziniert“

101
0

Historiker David Motadel: „Hitler war vom Islam fasziniert“

Detmolder David Motadel im Interview über sein international gefeiertes Buch „Für Prophet und Führer – Die Islamische Welt und das Dritte Reich“.

Bielefeld. Der gebürtige Detmolder Historiker David Motadel spricht im Interview über sein international gefeiertes Buch „Für Prophet und Führer – Die Islamische Welt und das Dritte Reich“.

Herr Motadel, der Islam und die Ideologie des Nationalsozialismus. Das passt doch eigentlich nicht zusammen.
David Motadel: Hitler war vom Islam fasziniert. Während für ihn der Katholizismus eine schwache, verweichlichte, feminine Religion darstellte, pries er nachweislich den Islam als starke Kriegerreligion. „Der Mohammedanismus könnte mich noch für den Himmel begeistern“, sagte er einmal. SS-Führer Heinrich Himmler sprach vor NSDAP-Funktionären davon, dass er nichts gegen den Islam einzuwenden habe. Schließlich verspräche dieser nach dem Tod auf dem Schlachtfeld den Himmel. „Eine für Soldaten praktische und sympathische Religion“, so seine etwas zynische Äußerung.

Warum interessierten sich die Nazis überhaupt für den Islam?
Motadel: Das hatte in erster Linie pragmatische Gründe. Nachdem die Wehrmacht große Gebiete der Sowjetunion, des Balkans und Nordafrika besetzt hatte, gerieten viele Muslime unter deutsche Herrschaft. Gleichzeitig verschlechterte sich die militärische Lage und Berlin machte daher zunehmend Anstrengungen, Verbündete zu gewinnen. Auch brauchte man Kanonenfutter für die Front.

Muslime kämpften in der Wehrmacht und Waffen-SS?
Motadel: Genau. Man erhoffte sich, dadurch Verluste in den eigenen Reihen auszugleichen. Muslimische Soldaten, die in die Wehrmacht und Waffen-SS rekrutiert worden waren, kämpften an fast allen Fronten. Es gab muslimische Einheiten, die bei der Schlacht um Stalingrad dabei waren. In den Truppenteilen waren ihnen sogar islamische Praktiken erlaubt. Selbst das Schächten, also das rituelle Schlachten von Tieren, war gestattet, obwohl dies seit 1933 eigentlich verboten war. Eine besondere Rolle in den muslimischen Wehrmachts- und SS-Einheiten spielten Militär-Imame. Diese waren nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich, sondern auch für deren politische Indoktrinierung.

Was bewog Muslime dazu, für die Deutschen zu kämpfen?
Motadel: Der Großteil der Rekruten aus den muslimischen Ostgebieten hatte in der Roten Armee gekämpft und wurde in deutschen Kriegsgefangenenlagern angeworben. Viele von ihnen wollten einfach den schrecklichen Bedingungen in den Lagern entkommen – Hunger, Kälte, Krankheiten. Die Muslime vom Balkan, die sich den Deutschen anschlossen, hofften, mit deutschen Waffen ihre Dörfer gegen Partisanenangriffe zu verteidigen.

Renommiert: Der Historiker David Motadel. - © Privat
Renommiert: Der Historiker David Motadel. | © Privat

Was taten die Deutschen, um die muslimische Bevölkerung in den eroberten Gebieten für sich zu gewinnen?
Motadel: In den muslimisch bevölkerten Frontgebieten – von der Sahara bis zu den Bergen des Kaukasus – versuchte das NS-Regime, das Dritte Reich als Schutzherrn des Islam zu präsentieren. Deutsche Wissenschaftler setzten sich intensiv mit dem Koran auseinander und suchten dort beispielsweise nach Textstellen, mit denen nachgewiesen werden sollte, dass Hitler eine islamische eschatologische Figur sei, ein Erlöser.

Welche Rolle spielte der Antisemitismus in der NS-Propaganda, um Muslime zu rekrutieren?
Motadel: Antisemitismus spielte grundsätzlich in der deutschen Auslandspropaganda eine große Rolle. Im Hinblick auf die Muslime ging es häufig um die Einwanderung von Juden nach Palästina, die in den Zwischenkriegsjahren stark zugenommen hatte.

Verfing der Judenhass?
Motadel: In vielen Teilen der muslimischen Welt hatten Muslime und Juden über Jahrhunderte mehr oder weniger friedlich nebeneinander gelebt. Ich habe einige Kollegen, die glauben, dass die NS-Propaganda den Antisemitismus in die arabische Welt gebracht hat, der heute dort vielerorts zu beobachten ist. Nachweisen lassen sich solche direkten Verbindungen aber nicht. Der Antisemitismus, den wir vor allem bei manchen muslimischen Flüchtlingen erleben, beruht häufig eher auf dem Palästinakonflikt seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 war der Rassismus der NSDAP Gesetz. Wie kam das bei den muslimischen Verbündeten an?
Motadel: Das wurde auch recht pragmatisch gehandhabt. Natürlich war der Rassismus für die deutsche Propaganda ein Problem. Bereits nach der Einführung der Nürnberger Gesetze versicherte das NS-Regime ausdrücklich, das nicht-jüdische Araber, Iraner und Türken nicht betroffen seien. So war es Deutschen weiterhin erlaubt, Araber, Iraner oder Türken zu heiraten.

Muslim sein konnte auch das eigene Leben schützen?
Motadel: Nicht immer. In den ersten Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion erschossen SS-Einsatzgruppen Tausende Muslime – insbesondere Kriegsgefangene – weil sie von deren Beschneidung darauf schlossen, dass es sich um Juden handelte. Dies führte dazu, dass Reinhard Heydrich, Chef des SS Reichssicherheitshauptamtes, einen Befehl erließ, in dem er die Einsatzgruppen dazu ermahnte, vorsichtiger zu sein. Viele christliche Roma und Juden konvertierten auf dem Balkan und in den Ostgebieten während des Zweiten Weltkriegs zum Islam, um so der Verfolgung zu entgehen – häufig allerdings erfolglos.

Seitens der Wehrmacht kam es immer wieder zu Übergriffen auf die muslimische Bevölkerung.
Motadel: Viele Soldaten waren jung und durch die jahrelange Indoktrinierung durch die Propaganda des Nationalsozialismus beeinflusst, die sie zu Herrenmenschen erklärte und vor allem Menschen aus den Ostgebieten als „asiatische Untermenschen“ diffamierte.

Im Zusammenhang antisemitischer Ausfälle in Deutschland wird immer wieder über den Judenhass von muslimischen Flüchtlingen gesprochen.
Motadel: Es stimmt, dass Antizionismus und Antisemitismus unter Flüchtlingen verbreitet ist. Diese Entwicklung müssen wir offensiv angehen. Doch ich warne vor moralischer Überheblichkeit. Es waren nicht Muslime, die sechs Millionen Juden ermordet haben – es war die Generation unserer Väter, Großväter und Urgroßväter.

 

http://www.nw.de/kultur_und_freizeit/literatur/literatur/22051719_Historiker-David-Motadel-Hitler-war-vom-Islam-fasziniert.html