Start Veranstaltung/ Reportage Koca Sinan Gemeinde feiert Freitagsgebet im Freien

Koca Sinan Gemeinde feiert Freitagsgebet im Freien

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Koca Sinan Gemeinde feiert Freitagsgebet im Freien

Etwa 2000 Muslime kamen zum Freitagsgebet der Gemeinde auf dem Letteplatz in Reinickendorf. Darunter auch ein Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP.

Das Gebet läuft seit zwanzig Minuten, aber noch immer kommen Gläubige zum Letteplatz nach Reinickendorf. Hastig verlegen Helfer Pappmatten rund um die Tischtennisplatten und öffnen den Fußballkäfig für die Betenden. In der Mitte des Platzes, wo Teppiche vor der Kälte des Bodens schützen, ist kein Platz mehr.

Es ist das erste Freitagsgebet der Koca Sinan Gemeinde, nachdem drei Unbekannte am vergangenen Sonntag einen Brandanschlag auf ihre Moschee verübt haben. „Wir treffen uns für Solidarität und Zusammenhalt zum Freitagsgebet auf der Straße“, hat der Moscheeverein auf seiner Facebook-Seite bekanntgegeben. Und 1500 bis 2000 Menschen, so schätzt die Polizei, sind diesem Aufruf gefolgt.

Die Gläubigen kommen aus der ganzen Stadt

„Wir wollten zeigen, dass wir zusammengehören, deshalb bin ich mit meinen Freundinnen hergekommen“, sagt eine junge Frau aus Wedding. „Wir wollten uns von einem solchen Anschlag nicht einschüchtern lassen und zu Hause bleiben. Nun treffen wir uns draußen, bei diesen Temperaturen“, sagt Dominic Géraillé aus Königs Wusterhausen.

Immer wieder zücken die Menschen ihre Handys, um Fotos von der Menge zu machen. Zu den muslimischen Gottesdiensten der Stadtteilgemeinde Koca Sinan, die zum türkischen, Ankara-nahen Moscheeverband Ditib gehört, kommen nach eigenen Angaben in der Regel nicht mehr als 200 bis 300 Menschen. Aber heute ist das Freitagsgebet auch eine kleine politische Demonstration.

Nach der Predigt sprechen Vertreter der Ditib und der wegen islamistischer Tendenzen umstrittenen Religionsgemeinschaft Millî Görüş mit Journalisten und Gemeindemitgliedern. Und auch Mustafa Yeneroğlu, ein deutschstämmiger Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP, hält eine kurze Ansprache.

Sie wollen zeigen, dass sie zu Deutschland gehören

Die Gläubigen, die auf dem Letteplatz im eisigen Wind barfuß auf ihren mitgebrachten Gebetsteppichen kauern und zuhören, wie der Iman Koransuren rezitiert, wollen mit ihren Körpern demonstrieren, dass der Islam zu diesem Land und dieser Stadt gehört. Dass der neue Innen- und Heimatminister Host Seehofer (CSU) soeben verkündet hat, dass dies nicht der Fall sei, erzürnt hier viele.

„Wir werden diese Moschee schnell wieder aufbauen, aber wir brauchen das Gefühl geschützt zu sein“, sagt Gemeindemitglied Berkan Kaya. „Ich bin hier zur Schule gegangen, zahle Steuern, meine Kinder sind hier geboren, natürlich gehören wir zu Deutschland.“

Vorerst wird die Gemeinde auf dem Letteplatz bleiben

In den kommenden Monaten will die Koca Sinan Moschee das Freitagsgebet weiter auf dem Letteplatz feiern. Weil es noch Monate dauern wird, bis die Gebetsräume in der Moschee gegenüber wieder genutzt werden können, hat der Bezirk Reinickendorf dem Moscheeverein gestattet, dort ein Zelt zu errichten.

„Wir sind den Behörden, aber auch der Polizei und unseren Nachbarn wirklich dankbar“, meint Bilal Demirer, Gemeindemitglied und Jugendverbandsvorsitzender bei Ditib Berlin. „Wir haben so viel Solidarität erfahren.“ Auch die Kirchen und Vertreter anderer Glaubenseinrichtungen würden den Verein unterstützen. Dass viele in den letzten Tagen über kurdische Täter spekulierten, stört Demirer.

Source: www.tagesspiegel.de/berlin/nach-dem-moscheebrand-koca-sinan-gemeinde-feiert-freitagsgebet-im-freien/21082454.html

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