Das Massaker von Suweida – watson

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Tatort in Suweida. Bild: AP/SANA

Das Massaker von Suweida

Die Terrormiliz «IS» will mit einer Anschlagserie in Syrien Stärke demonstrieren: Sie hat mehr als 200 Menschen getötet und Dutzende weitere verschleppt. Die meisten Opfer waren Drusen.

Christoph Sydow

Am Ende, als der Horror vorbei ist, hängen drei Leichen an einem Kran vor einem Krankenhaus in Suweida. Die Männer, die von wütenden Bewohnern der Stadt gelyncht wurden, sollen zu einem Terrorkommando des «Islamischen Staats» (IS) gehört haben, das in den Stunden zuvor eines der schlimmsten Massaker seit Beginn des Bürgerkrieg in Syrien vor sieben Jahren verübte.

Bei den koordinierten Angriffen auf die südsyrische Provinzhauptstadt Suweida und mehrere Dörfer in der Umgebung wurden am Mittwoch nach Angaben der Regierung in Damaskus mindestens 216 Menschen getötet und 150 weitere Personen verletzt. Zudem sollen die Terroristen Dutzende Frauen und Kinder entführt haben. Ihr Schicksal ist bislang unklar. Überhaupt wird das ganze Ausmass der Attacke erst 24 Stunden danach Stück für Stück deutlich.

Trauerzug für Anschlagsopfer in Suweida. Bild: AP/SANA

Die koordinierten Angriffe begannen noch in der Dunkelheit gegen vier Uhr morgens. Die Dschihadisten stürmten mehrere Dörfer östlich von Suweida und überraschten die Bewohner im Schlaf. Überlebende berichten, die Terroristen seien von Haus zu Haus gezogen und hätten ganze Familien erstochen. Es habe eine Weile gedauert, bis Anwohner und Sicherheitskräfte das Ausmass der Attacke bemerkten und die Angreifer unter Beschuss nahmen.

Kurz darauf sprengten sich zwei «IS»-Selbstmordattentäter im Zentrum von Suweida in die Luft und töteten Dutzende Zivilisten. Sicherheitskräfte sollen nach Regierungsangaben zwei weitere Attentäter getötet haben, bevor sie ihre Sprengstoffwesten detonieren konnten.

Insgesamt benötigten syrische Armee und lokale Milizen mehr als sechs Stunden um die Angreifer zurückzuschlagen. Unter anderem flog das Militär Luftangriffe auf die überfallenen Dörfer. Mindestens 45 Dschihadisten wurden getötet. Trotzdem gelang es mehreren «IS»-Kommandos zu entkommen und Geiseln zu verschleppen. Unter den Entführten waren auch vier Soldaten, die inzwischen enthauptet wurden.

«IS»-Terror gegen Minderheiten

Die Täter kamen aus einer kleinen «IS»-Enklave nordöstlich von Suweida. Das Territorium am Rande der Wüste gehört zu den letzten Gebieten, die der «IS» in Syrien noch kontrolliert.

Monate nachdem Diktator Baschar al-Assad sowie seine Verbündeten – Kremlchef Wladimir Putin und Irans Präsident Hassan Rohani – den «IS» für besiegt erklärten, haben die Dschihadisten unter Beweis gestellt, dass sie punktuell noch immer zu koordinierten Angriffen in der Lage sind.

Das brutale Vorgehen der Terroristen erinnert an die «IS»-Massaker an den Jesiden im Irak 2014. Auch damals überfielen die militanten Islamisten Dörfer, töteten Männer, verschleppten Frauen und Kinder. Und damals wie heute zielt der Terror auf eine Minderheit, die der «IS» als vogelfrei betrachtet. Denn die Provinz Suweida ist das Hauptsiedlungsgebiet der Drusen in Syrien.

Das Dilemma der Drusen

Die Religionsgemeinschaft gibt es etwa seit dem 11. Jahrhundert, sie entwickelte sich aus dem schiitischen Islam. Radikalen Sunniten wie den Terroristen des «IS» gelten die Drusen als Ungläubige, die rücksichtlos bekämpft werden müssen, solange sie nicht zum sunnitischen Islam konvertieren.

Als Minderheit, die von Andersgläubigen misstrauisch beäugt wird, haben die Drusen ein besonders starkes Zusammenhörigkeitsgefühl. Sie sollen nur untereinander heiraten, es ist nicht möglich, zum Drusentum zu konvertieren. Damit ähneln die Drusen den Alawiten, der schiitischen Minderheit, der die syrische Diktatorenfamilie der Assads angehört. Das ist auch ein Grund, warum sich die meisten Führer der drusischen Gemeinschaft in Syrien bislang nicht offen gegen das Regime gestellt haben.

Gleichwohl gibt es auch unter den Drusen grosse Unzufriedenheit. Im Zuge des Bürgerkrieges hat die Provinz Suweida relative Autonomie erlangt. Die Verteidigung der Provinz liegt weitgehend in den Händen einheimischer Milizen, die vom Regime ausgerüstet wurden. Darüber hinaus zog sich die Regierungsarmee jedoch weitgehend aus dem Gebiet zurück. Im Gegenzug vermieden es die meisten Drusen, im Bürgerkrieg Partei zu ergreifen.

Männer wohnen der Beisetzung der Opfer des «IS» bei. Bild: EPA/SANA HANDOUT

Druck vom Regime – und aus Moskau

Doch nachdem sich Assad inzwischen sicher wähnt, den Bürgerkrieg zu gewinnen, versucht das Regime, Suweida wieder unter seine volle Kontrolle zu bringen. Mehrfach trafen sich Vertreter des russischen Militärs in den vergangenen Wochen mit drusischen Würdenträgern. Die Delegation aus Moskau soll unter anderem verlangt haben, dass zukünftig wieder alle Männer aus der Provinz Wehrdienst in der Armee leisten müssen.

In den sozialen Netzwerken häufen sich deshalb seit Mittwoch die Stimmen von Menschen aus Suweida, die dem Regime vorwerfen, die «IS»-Angriffe zumindest begünstigt zu haben -um damit die Drusen davon zu überzeugen, sich wieder stärker an das Regime zu binden, weil nur die Armee die Sicherheit der Provinz garantieren könne.

Während der Trauerfeiern für Anschlagsopfer am Donnerstag war der Zorn der Bewohner so gross, dass der vom Regime entsandte Gouverneur und der Polizeichef der Provinz den Ort aus Sicherheitsgründen verlassen mussten.

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Video: srf

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