Auftakt zur 4. Islamkonferenz: Das schwierige Selbstbild deutscher Muslime

18
0


Heute beginnt die 4. Islamkonferenz. Innenminister Seehofer will Einflussnahme aus dem Ausland zum Thema machen. Doch es geht auch um eine grundlegende Frage: Wie könnte ein „deutscher Islam“ aussehen?

Von Ulrich Pick, SWR

Innen-Staatssekretär Markus Kerber ist der Mann, bei dem die Fäden der Deutschen Islamkonferenz zusammenlaufen. Der gebürtige Schwabe setzt auf Kontinuität und Gespräch. Die Schwerpunkte des Treffens seien erstens die Beförderung des Dialogs innerhalb und zwischen den in Deutschland lebenden Muslimen, sagt er. „Und zweitens die Hoffnung, dass sich aus diesem Dialog, aus dieser Diskussion heraus ein Selbstverständnis, ein Selbstbild der in Deutschland lebenden Muslime entwickelt, das so bislang nirgendwo zu sehen war.“

Verbände repräsentieren nur eine Minderheit der Muslime

Dafür aber müssen auf der Islamkonferenz sämtliche Muslime in Deutschland repräsentiert werden. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Denn es gibt zwar die großen traditionell-konservativen Dachverbände Ditib, Zentralrat, Islamrat und den Verband der Islamischen Kulturzentren. Doch sie repräsentieren lediglich 20 bis 25 Prozent der Muslime. Die Mehrheit ist also nicht organisiert.

Stichwort: Deutsche Islamkonferenz

Die Deutsche Islamkonferenz wurde 2006 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) als Forum für den Dialog zwischen Staat und Muslimen ins Leben gerufen. Der derzeitige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und sein Staatssekretär Markus Kerber wollen in dieser Wahlperiode insbesondere beim Thema Finanzierung aus dem Ausland vorankommen.

Bisher tagte die Islamkonferenz in unterschiedlichen Besetzungen und in variierenden Formaten in bisher drei Phasen – jeweils parallel zu den Legislaturperioden. In den Bereichen Religionsunterricht und Ausbildung islamischer Theologen an deutschen Unis hat sie bereits wichtige Grundlagen erarbeitet. Die Anerkennung der muslimischen Religionsgemeinschaften scheitert vor allem an ihrer unklaren Mitgliederstruktur.

„Wir zwingen sie dadurch, dass sie auch mit uns arbeiten“

Das gilt auch für die meisten liberal und säkular orientierten Muslime. Unter ihnen finden sich eher starke Einzelpersonen und kleinere Zirkel. „Wir haben den ‚Bund der liberalen Muslime‘, wie haben die ‚Säkularen Muslime‘, und wir haben auch das ‚Forum des Islams in Deutschland‘. Und die haben alle die gleichen Ziele. Aber sie können nicht an einem Tisch sitzen,“ bedauert der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi.

Er fordert, man solle endlich einmal versuchen, einen Dachverband zu gründen als Ansprechpartner für den Staat: „Das heißt nicht, dass wir die konservativen Dachverbände ablehnen, sondern wir zwingen sie dadurch, dass sie auch mit uns arbeiten müssen.“

Den liberalen Muslimen fehlt ein Dachverband

Bei den liberalen Muslimen ist das Problem also, über keine repräsentative Organisation zu verfügen. Bei den traditionellen Dachverbänden ist es die politische Bindung an das Ausland. Denn die meisten von ihnen bekommen von dort nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Imame. Das aber ist problematisch. Denn diese Unterstützung schafft nicht nur Abhängigkeiten. Sie untergräbt letztlich auch eine echte Integration in Deutschland.

So ist beispielsweise der Moscheenverband Ditib als deutscher Arm des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten in den vergangenen Jahren immer stärker zum Sprachrohr der türkischen Politik geworden. Einige der Imame des Verbandes, die alle türkische Staatsbeamte sind, bespitzelten sogar auf deutschem Boden die politischen Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Gezielte Einflussnahme aus dem Ausland

Deshalb fordert Susanne Schröter, die Direktorin des Forschungszentrums „Globaler Islam“ an der Uni Frankfurt/Main, die Abhängigkeit der islamischen Verbände vom Ausland schnellstens zu beenden: „Weil die Funktionäre, mit denen wir sprechen, nicht unabhängig sind. Weil sie immer wieder Weisungen aus dem Ausland bekommen, weil man ihnen das Geld entziehen kann, wenn sie sich hier zu weit aus dem Fenster lehnen.“ Die gezielte Einflussnahme ausländischer Kräfte durch Geld, Personal und Ideologie, dürfte somit eines der wichtigsten Themen der jetzigen Islamkonferenz werden.

Wie könnte ein „deutscher Islam“ aussehen?

Hinzu kommt die Suche nach dem eigenen Selbstverständnis der hier lebenden Muslime. „Unser Wunsch ist, dass die in Deutschland lebenden Muslime eine in der deutschen Sprache, in der deutschen Kultur wurzelnde eigene Interpretation ihres Glaubensdaseins, ihrer kulturellen Selbstbestimmung entwickeln und umsetzen“, betont Staatssekretär Kerber. „Das wäre dann im Endeffekt ein Islam der in Deutschland lebenden Muslime oder eben ein deutscher Islam – wie immer man das nennen will.“

Allerdings bleibt zu klären, was genau unter einem deutschen Islam zu verstehen ist: Sollte damit ein Islam gemeint sein, der rein für das Gebiet des deutschen Staates Gültigkeit besitzt und sozusagen abgekoppelt vom Rest der muslimischen Welt existiert? Dies dürfte kaum machbar sein. Denn der Islam ist eine Weltreligion und entwickelt sich über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus weiter.

Eher dürfte das Einbetten islamischer Grundgedanken, Werte und Haltungen in die deutsche Gesellschaft gemeint sein. „Das bedeutet ein Islamverständnis, bei dem man sich ohne Wenn und Aber an Demokratie und Menschenrechten orientiert,“ erläutert der deutsch-israelische Psychologe und liberale Muslim Ahmad Mansour. Hierbei sei Gleichberechtigung ebenso wichtig die Förderung von eigenem Nachdenken und Hinterfragen von Traditionen.

Ob es irgendwann einmal einen solchen – eher reformorientierten – deutschen Islam geben wird, hängt allerdings stark davon ab, ob sich die islamischen Verbände künftig von Einfluss aus dem Ausland lösen können.



Quelle:

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein