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Berliner Islam-Institut: Mehrere muslimische Verbände unterschreiben Verträge nicht

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Berliner Islam-Institut: Mehrere muslimische Verbände unterschreiben Verträge nicht

Ein Rückschritt vor allem für die türkische Ditib und die Islamische Förderation.

Das Berliner Islam-Institut ist ein ehrgeiziges Großvorhaben des Berliner Senats. Ab 2019 sollen am Institut für Islamische Theologie die Religionslehrer für die Berliner Schulen sowie Imame für Moscheen dort ausgebildet werden, aber auch Sozialarbeiter und Wissenschaftler. Und zwar im staatlichen Rahmen an der Humboldt-Universität.

Doch nun hat das Projekt einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Nur einer von fünf beteiligten Islamverbänden hat zum Stichtag 1. April die nötige Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Nämlich die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden. „Bisher sind die unterschriftsreifen Verträge nur von den Schiiten unterschrieben und an uns zurückgesandt worden“, bestätigte Boris Nitzsche, Vize-Sprecher der Humboldt-Universität, am Dienstag der Berliner Zeitung.

Tatsächlich wollen die einflussreichen sunnitischen Verbände nicht unterschreiben. Denn sie wollten eine Sperrminorität im Beirat durchsetzen, um zum Beispiel bei der Besetzung bestimmter Professoren-Stellen ein Veto einlegen zu können. Allen voran die einflussreiche Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Die aus Ankara gesteuerte Dachorganisation der türkisch-islamischen Moscheegemeinden in Deutschland lehnt den nun vorliegenden Vertrag ab. Aber auch die konservative Islamische Föderation möchte die lange verhandelten Verträge ausdrücklich nicht unterschreiben. „Wir haben schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass wir die Konstruktion des Beirates so nicht gutheißen können“, sagte Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland, am Dienstag der Berliner Zeitung.

Sperrminorität gewünscht

Es geht also um Macht und Einfluss. Der Wunsch, im Sinne der Religion Einfluss zu nehmen, steht gewissermaßen gegen die Freiheit der Wissenschaft. „Die Verträge sind ausverhandelt“, betonte HU-Sprecher Nitzsche. Mehr Einflussnahme auf eine staatliche Universität könne man den Muslimverbänden nicht zugestehen.

In der Kooperationsvereinbarung ist vorgesehen, dass wichtige Entscheidungen wie die Berufung von Professoren mit zwei Drittel-Mehrheit fallen müssen. Die konservativ-sunnitischen Verbände fürchten, dabei überstimmt zu werden. „Wir wollen, dass eine einfache Mehrheit ausreicht“, sagte Kesici.

Aus Sicht der konservativ-sunnitischen Kräfte wäre es zum Beispiel ein Eklat, wenn ein bekennender Agnostiker dort als Islamwissenschaftler tätig würde. Sie befürchten zudem, dass die im Beirat vertretenen Muslimverbände nach einiger Zeit einfach ausgetauscht werden könnten. Denn die Arbeit des Beirates soll nach drei Jahren evaluiert werden. Mit unklaren Konsequenzen. Bleibe es bei der jetzigen Regelung, werde man die Verträge nicht unterzeichnen, hieß es auch bei Ditib.

Wie soll es weitergehen?

Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) hat die beteiligten Verbände nun für den 13. April zu einem Krisentreffen in seine Verwaltung geladen. Krach betonte am Dienstag, dass der Gründungsbeauftragte Michael Borgolte bereits seit fast einem Jahr intensiv mit den Verbänden verhandelt habe. Man berate jetzt die HU über die nächsten Schritte. „Wir sind uns einig, dass die neuesten Änderungsvorschläge einzelner Verbände, die die Abstimmungsmodalitäten im Beirat betreffen, für uns nicht tragbar sind“, betonte Krach. „Sowohl für die Humboldt-Universität, als auch für uns steht fest, dass das Institut für Islamische Theologie auf jeden Fall kommen wird.“

Unklar aber ist, wie es nun weitergehen soll. Denn der Wissenschaftsrat hat im Jahr 2010 empfohlen, dass die fünf größten Muslimverbände auch im Beirat vertreten sein sollten. Und das sind neben Ditib und Islamischer Föderation eben noch die drei weiteren nun für den Beirat vorgesehenen Gruppierungen: der Verband der Islamischen Kulturzentren, der Zentralrat der Muslime sowie die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden.

Ein gemäßigter Islam

HU-Sprecher Nitzsche betonte indes, dass selbst diese fünf Verbände nur 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren würden. Und auch da sei vieles im Fluss. Anders als Katholiken oder Protestanten seien die Muslime in Deutschland eben sehr kleinteilig organisiert.

Die andere Möglichkeit wäre, einzelne Verbände im Beirat auch durch kleinere Moscheevereine auszutauschen. Das dürfte aber weitere Konflikte unter Berliner Muslimen schüren und wäre auch rechtlich womöglich nicht haltbar. Kritiker monieren obendrein, dass Vertreter eines liberalen Islam bisher im Beirat nicht vertreten sind.

Imame und auch Religionslehrer, die in Berlin wirken, werden häufig aus dem Ausland entsandt. Die Türkei, aber auch Katar oder Saudi-Arabien setzen dafür viel Geld ein. Islam-Institute an deutschen Universitäten sollen unter staatlicher Kontrolle einen eher gemäßigten Islam vermitteln. Bisher ist geplant, dass das Islam-Institut an der HU ab dem Wintersemester 2019/20 startet. Zunächst sind dort vier, später sechs Professoren vorgesehen. Neben islamischer Theologie wird dort auch Arabisch gelehrt werden.

 

Source: www.berliner-zeitung.de/berlin/berliner-islam-institut-mehrere-muslimische-verbaende-unterschreiben-vertraege-nicht-29961520

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