Start Beitrag/ Persönlichkeit „Kopftuchmädchen“: Ein populistischer Begriff und seine Geschichte

„Kopftuchmädchen“: Ein populistischer Begriff und seine Geschichte

32
0

Alice Weidel hielt zum Auftakt der Generalaussprache im Bundestag eine offen fremdenfeindliche Rede. Sie wetterte gegen „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“. Für den Begriff „Kopftuchmädchen“ wurde sie vom Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble zur Ordnung gerufen. Woher stammt dieses Wort, wer hat es benutzt und welche Debatten haben sich daraus ergeben?

Schäuble bescheinigte Alice Weidel durch ihre Äußerung eine Herabwürdigung aller Frauen, die ein Kopftuch tragen. Die AfD-Politikerin entgegnete: „Ich verstehe nicht ganz, was daran eine Provokation sein soll“ und kündigte einen Einspruch gegen den Tadel an. Mit dem Begriff „Kopftuchmädchen“ habe sie auf die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern im Islam verweisen wollen, wie sie dem Sender n-tv erklärte. Sieht man sich jedoch an, wie dieses Wort in politische Diskussionen Einzug hielt, fällt es schwer, den Ausführungen der AfD-Frau zu folgen.

Bekannt wurde der Begriff durch den damaligen SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der im Herbst 2009 in einem Interview mit dem Kulturmagazin „Lettre International“ sagte: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

Bilder anzeigen
Alice Weidel sprach am 16. Mai im Bundestag von „Kopftuchmädchen“ und „Messermännern“. (Bild: Getty Images)
Mehr
Kurz zuvor war seine Amtszeit als Berliner Finanzsenator zu Ende gegangen und er wurde Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Aufgrund der „Kopftuchmädchen“-Aussage und anderer provokanter Kommentare im selben Interview wurde ihm der Rücktritt aus diesem Amt nahegelegt. Auch wurden Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft eingeleitet.

Der Begriff wurde von Sarrazin von Anfang an als gezielte Provokation verwendet. Ein halbes Jahr später, im Sommer 2010, erschien Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, das ähnlich polarisierte wie heute die AfD. Das Wort „Kopftuchmädchen“ war seither politisch verbrannt, im besten Fall galt es als verkappt fremdenfeindlich, im schlimmsten als offen rassistisch.

Davor tauchte der Begriff nur vereinzelt auf, oftmals ohne klar definierbare Intention. Noch 2006, hieß es in einem „Zeit“-Artikel über die Wiedererstarkung des politischen Islam in der Türkei: „Alle sind blass vor Aufregung an diesem Morgen, nicht nur die Kopftuchmädchen.“ Eine Debatte blieb aus. Allerdings wurde der Begriff hier noch als konkrete Beschreibung einer Gruppe junger Menschen benutzt, während Sarrazin in besagtem Interview ein Bild der „Überfremdung“ zu zeichnen versuchte. Mädchen mit Kopftüchern charakterisierte er nicht als Personen, sondern als Probleme, die „produziert“ werden. Dagegen gab es einigen Widerstand.

Bilder anzeigen
Thilo Sarrazin benutzte den Begriff „Kopftuchmädchen“ in der politischen Debatte als Erster. (Bild: AP Photo)
Mehr
So brandmarkte die Autorin Freia Peters den Begriff als „sarrazinisch“ und legte in einem „Welt“-Artikel dar, dass Sarrazin einen populistischen Begriff geschaffen habe, der in der Realität jedoch keine Entsprechung fände. Denn türkische Mütter bekämen im Schnitt deutlich weniger Nachwuchs als Deutsche. Auch die Politologin Naika Foroutan wehrte sich gegen den Begriff und seine Implikationen. In ihrer Studie „Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand“ wies sie nach, dass entgegen der Behauptung Sarrazins, das Kopftuch werde immer beliebter, die traditionelle Kopfbedeckung in der zweiten Generation der hier lebenden Muslimas signifikant weniger getragen werde.

Es gab auch Versuche, den provokanten Begriff zu vereinnahmen und positiv umzudeuten. So veröffentlichte die deutsch-türkische SPD-Politikerin Lale Akgün im Jahr 2011 das Buch „Aufstand der Kopftuchmädchen“, in dem sie einen neuen Islam fordert, der westliche Werte anerkennt. Dabei bräuchten junge Muslimas allerdings Unterstützung von einer offenen Gesellschaft, die sie eben nicht als „Kopftuchmädchen“ verunglimpft.

Dass Alice Weidel den Begriff aus Mitgefühl für junge Mädchen in islamischen Familien gebrauchte, darf also bezweifelt werden. Vielmehr darf davon ausgegangen werden, dass sie die sarrazinische Terminologie ganz bewusst wieder ausgegraben hat, um an seinem Erfolg anzuknüpfen. Dabei werden Menschengruppen stigmatisiert und die Spaltung der Gesellschaft vertieft.

https://de.nachrichten.yahoo.com/kopftuchmadchen-ein-populistischer-begriff-und-seine-geschichte-121408085.html?guccounter=1

Facebook Comments