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Eine unglaubliche Rettung vor dem sicheren Tod

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Oldenburg

Viele muslimische Einwanderer in Deutschland, egal ob aus der Türkei oder der arabischen Welt, negieren ihre Mitverantwortung für die Geschichte des Landes, in dem sie leben. Insbesondere das Desinteresse für den Holocaust wird damit begründet, dass die staatliche Verfolgung und industrielle Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland nicht ihre Geschichte sei und mit ihnen nichts zu tun habe. Dass diese Erzählung unzutreffend ist, haben Historiker bereits seit längerem nachgewiesen: Auch in der muslimischen Welt gab es (staatliche) Kooperation und (individuellen) Widerstand, wurden Juden ihrer Vernichtung ausgeliefert, und uneigennützig vor dem sicheren Tod gerettet.


Der Journalist Ronen Steinke hat diese Geschichte nun aus der Perspektive eines wahrhaft spektakulären Falles ebenso anrührend wie differenziert nacherzählt.


Im Mittelpunkt seines Buches „Der Muslim und die Jüdin“ steht der ägyptische Arzt Muhammad Helmy. Helmy war 1922 zum Studium nach Berlin gekommen und über 1933 hinaus geblieben. Als eine seiner jüdischen Patientinnen 1942 deportiert werden soll, überredet er sie unterzutauchen und organisiert auch für die restliche Familie ein deutsch-ägyptisches Hilfsnetzwerk. Das jüngste Mitglied der Familie, die 17-jährige Anna Boros, versteckt Helmy vor den Augen der Nationalsozialisten, indem er sie als seine Nichte ausgibt.


Bekleidet mit einem Kopftuch arbeitet Anna als Sprechstundenhilfe in Helmys Praxis und entgeht so verkleidet als Muslima den Häschern der Gestapo. Um ihr eine neue Identität und einen ägyptischen Pass zu verschaffen, arrangiert Helmy schließlich nicht nur die Konversion der jungen Frau zum Islam, sondern auch die Hochzeit mit einem ägyptischen Freund. Das Abenteuerliche daran war: Der Mann, der die Konversion bezeugte und damit die islamische Hochzeit legitimierte, der politische Aktivist Kamal el-Din Galal, war die rechte Hand des Großmuftis von Jerusalem Amin al-Husseini, einem der bedeutendsten Propagandisten des Antisemitismus in der arabischen Welt.


Für Steinke endet die Geschichte von Helmy und Anna an dieser Stelle jedoch nicht. Was sich bis dahin liest wie ein Hollywood-Drehbuch mit Happy End, wendet sich in eine politische Klage. Seine Recherchen haben Steinke auch zu den Nachfahren der beiden Protagonisten geführt. Während Helmy und Anna im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre wie selbstverständlich mit Christen, Juden und Muslimen zu tun hatten, leben ihre Familien heute in separierten Welten.


Wie Steinke konstatiert, zählen Annas Enkel nicht einen Muslim oder Araber zu ihrem Bekanntenkreis. Die ägyptische Familie Helmys wiederum reklamiert zwar die Humanität ihres Ahnen für den Islam, negiert aber, dass sie explizit einer Jüdin galt: Als Muhammad Helmy 2013 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als einer der „Gerechten unter den Völkern“ geehrt wurde, weigerten sich seine Erben, diese Auszeichnung anzunehmen – weil sie aus Israel kam.


Die Geschichte, die Ronen Steinke erzählt, ist also kein Trost. Sie taugt nicht, das Bild vom gegenwärtig weit verbreiteten Antisemitismus unter muslimischen Arabern zu korrigieren. Dennoch ist sie zutiefst tröstlich. Menschen wie der ägyptische Arzt Muhammed Helmy, der unter eigener Gefährdung eine junge Jüdin und ihre Familie vor der sicheren Vernichtung rettete, waren zwischen 1933 und 1945 nicht nur in der muslimisch-arabischen Welt bemerkenswerte Ausnahmen. Schon allein deswegen lohnt es sich, diese Geschichte, die sich anhört wie ein Märchen, dringend zu lesen.


Und vielleicht erreicht dieses Buch durch Empfehlungen auch jene, für die es eigentlich geschrieben ist: die Muslime in unserem Land, die nach einem Zugang zur deutschen Geschichte suchen. Emotionaler und differenzierter kann ein Buch kaum davon erzählen, dass der Holocaust wie der Widerstand gegen den Holocaust auch zur Geschichte der Muslime gehört, die in Deutschland gelebt haben und leben.


•   Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin: Die Geschichte einer Rettung in Berlin. Berlin Verlag, 208 Seiten, 20 Euro.




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