Der Weg nach ganz oben ist für Musliminnen steinig

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Ist Deutschland bereit für Musliminnen mit Migrationshintergrund auf Spitzenposten? Zweifel sind angebracht, wenn man sich im Land umschaut, meint Kolumnistin Lamya Kaddor.

Wie weit kann man es anno 2018 als Frau mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund oder islamischem Glauben in der deutschen Politik bringen? Die Frage stellt sich mir gerade mal wieder. Cemile Giousouf, ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiterin des früheren Integrationsministers und heutigen Regierungschefs in NRW, Armin Laschet, ist als stellvertretende Chefin der Bundeszentrale für politische Bildung im Gespräch. Und prompt sorgt ihr Ansinnen für ungewöhnlich harte Widerstände.

Dass in solchen Fällen der völkische Mob im Netz tobt und in einschlägigen Gazetten seine Echokammern findet, kennt man inzwischen. Dass aber selbst die eigenen Kollegen überfallartig über einen herziehen, lässt auch abgehärtete Zeitgenossinnen aufmerken. Hintergrund sind Vorwürfe gegen Giousouf wegen angeblicher Nähe zu türkischen Nationalisten und Islamisten.

Die Ablehnung kommt selbst aus der eigenen Partei

Der Innenexperte ihrer CDU, Christoph de Vries, ließ sie via „Bild“-Zeitung wissen: „Wer eine Führungsaufgabe im Bereich der politischen Bildung in Deutschland übernimmt, muss demokratiefest und verfassungstreu sein.“ Sein Kollege Patrick Sensburg sagte öffentlich: „Der Vize-Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung darf auf keinen Fall ein Näheverhältnis zu islamistischen Kreisen haben.“ Wer solche Parteifreunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Dabei hat Giousouf durchaus gute Argumente auf ihrer Seite. So hat sie für die von der türkischen Regierung massiv bekämpfte Armenien-Resolution im Bundestag gestimmt. Danach habe sie unter Polizeischutz leben müssen, sagte die 40-Jährige der „Westfalenpost“. Außerdem sei es ihr Auftrag als Integrationsbeauftragte der Unionsfraktion gewesen, das Gespräch mit verschiedenen Seiten zu suchen. Dabei habe sie immer unmissverständlich Haltung gegen Islamismus oder türkischen Nationalismus bezogen.

Für deutsche Frauen mit arabischer oder türkischer Herkunft oder islamischem Glauben ist es inzwischen durchaus möglich geworden, gewisse Karrieren hierzulande zu machen, aber der Weg nach ganz oben scheint (immer noch) verbaut zu sein. Liegt das an der Angst derjenigen, die das Land kurz vor der „feindlichen Übernahme“ sehen, weil sie solche Frauen als „fremd“, als „anders als wir“ klassifizieren? Oder sind das Verteilungskämpfe? Oder Misogynie, also Frauenfeindlichkeit?

Sawsan Chebli wird andauernd beschimpft

In jedem Fall scheinen Zweifel angebracht, ob solche Frauen es über den Posten einer Integrationsbeauftragten wie bei Giousouf oder einer Landesministerin für Integration wie einst Bilkay Öney (erst Grüne, dann SPD) in Baden-Württemberg oder einer Staatsministerin für Integration wie Aydan Özoguz (SPD) hinausschaffen können. Wo sind Özoguz und Öney, die inzwischen Bilkay Kadem heißt, heute? Özoguz war stellvertretende SPD-Vorsitzende unter Sigmar Gabriel, zog bei der Wahl 2017 jedoch zugunsten von Natascha Kohnen zurück, heute ist sie weitgehend abgetaucht. In Berlin ist Sawsan Chebli (SPD) Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. Aber würde man sie auch zu einem Senatsposten durchlassen, also zu einem Ministeramt, wenn sie es denn wollen würde?

Gelangt doch mal eine dieser Frauen an eine herausragende Position, zieht stante pede ein Sturm der Anfeindung auf. In Baden-Württemberg heißt die Landtagspräsidentin Muhterem Aras. Sie wurde in der Türkei geboren, ist Mitglied der Grünen, und steht unter Dauerbeschuss rechter Kreise. Chebli kann inzwischen gar nichts mehr äußern, ohne beschimpft zu werden.

In Hamburg ist die CDU zwar den bemerkenswerten Schritt gegangen, Aygül Özkan als Spitzenkandidatin für die nächste Landtagswahl zu nominieren, der Aufschrei innerhalb und außerhalb der Partei war jedoch groß. Der Erste Bürgermeister Ole von Beust muss im „Welt“-Interview klarstellen, dass Hamburg bereit sei für eine muslimische Bürgermeisterin, während ihr ein anderer Mann ebenfalls via „Welt“ zuruft, für bekennende Christen sei sie nicht wählbar. Am Ende lehnte Aygül Özkan ab und schrieb unter anderem zur Begründung: „Es gibt Momente im Leben, in denen man innehält, Ereignisse und bisherige Pläne überdenkt und neu bewertet.“

Wie weit kommt Pinar Atalay?

Auch außerhalb der Politik tun sich ähnliche Fragen auf: Könnte die türkischstämmige „tagesthemen“-Moderatorin Pinar Atalay irgendwann mal eine Hanns Joachim Friedrichs oder eine Ulrich Wickert sein?

Selbstverständlich können Schwierigkeiten beim Aufstieg von Frauen auch mit mangelnden Qualifikationen zu tun haben. Aber Hand aufs Herz: Dass es nur fachliche Gründe geben könnte, wäre doch höchst unwahrscheinlich. Dann müsste es mehr solcher Frauen an prominenter Stelle geben und dort wo es sie gibt, müssten wenigstens einige von ihnen ohne Anfeindungen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres islamischen Bekenntnisses bleiben.

Muslimische Männer mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund haben mir des Öfteren gesagt: „Ihr Frauen habt es einfacher in Deutschland. In euch sehen sie wenigstens nicht gleich den Terroristen!“ Ja, diese Männer haben mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Über den auserkorenen Vize-Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, werden wegen seiner türkischen Herkunft Kübel von Hass und Unterstellungen ausgeschüttet. Raed Saleh in Berlin kann zwar SPD-Fraktionschef sein, aber als Bürgermeister-Kandidat 2014 war er chancenlos. Navid Kermani wurde für das Bundespräsidentenamt ins Gespräch gebracht, doch wer glaubt, dass er es tatsächlich geschafft hätte?

Ein guter Vorsatz für das neue Jahr

Und dennoch, wo es in Einzelfällen doch mal jemand mit türkischen oder arabischen Wurzeln oder islamischem Glauben ganz nach oben geschafft hat, war es ein Mann: Cem Özdemir als Parteichef der Grünen, Tarik al-Wazir als Grünen-Spitzenkandidat und stellvertretender hessischer Ministerpräsident. Mehr fällt einem dann aber schon nicht mehr ein oder man muss ins Ausland schauen, und kommt auf Londons Bürgermeister Sadiq Khan oder Rotterdams Bürgermeister Ahmed Aboutaleb. Eine erstaunliche Bilanz in Anbetracht dessen, dass wir nun seit Jahrzehnten in Dauerschleife über solche Menschen reden und sie einen nennenswerten Teil der Gesellschaft ausmachen.

Warum sind solche Überlegungen wichtig? Die Eliten eines Staats, seine Führungsspitzen, sollten den Kontakt zur Bevölkerung nicht verlieren. Das gilt in jeglicher Hinsicht und in Bezug auf alle gesellschaftlichen Gruppen. Die Legitimationsprobleme, die viele Institutionen und Regierungen derzeit auf der Welt haben, ob sie nun rechts oder links stehen, haben auch damit zu tun, dass die vielfältiger gewordene Bevölkerung sich nicht mehr ausreichend von ihnen repräsentiert fühlt.

Vor allem deshalb sollte sich die Gesellschaft noch stärker damit befassen, warum Minderheiten, in dieser Kolumne beispielhaft für muslimische, arabische, türkische Frauen diskutiert, aber Ähnliches ließe sich auch für andere Gruppen wie Homosexuelle oder Menschen mit Behinderung durchdeklinieren, nach wie vor so viele Schwierigkeiten haben. Hier für Veränderungen zu sorgen, wäre doch ein guter politischer Vorsatz fürs nächste Jahr. Oder?

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds (LIB e.V.). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt „Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben“ und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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