Leserbrief zum Kopftuchverbot: Zwang mit Zwang bekämpfen? Ein Leserbrief

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Ich möchte hiermit im Namen der muslimischen Gemeinden Stellung zur geplanten Erweiterung des Kopftuch-Verbotes nehmen. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, da die Wichtigkeit des Themas sehr hoch ist:

Seit langer Zeit wird ständig versucht, Menschen in Österreich davon zu überzeugen, dass das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung darstelle.
Man wolle daher – so die Befürworter dieses Verbotsgesetzes – durch das Verbot Kinder vor dieser Unterdrückung schützen.

Die Stimme der Muslime zu diesem Thema wird viel zu wenig gehört – sehrwohl jedoch die Stimmen, die über Muslime sprechen.
Das Tragen des Kopftuches ist im Islam ein Gebot, bei welchem eine jede Frau für sich entscheiden kann, ob sie diesem Gebot nachgehen möchte. Es kann sowohl eine kulturelle, als auch eine religiöse Bedeutung haben. Keine Muslima trägt es jedoch als Symbol der Unterdrückung! Natürlich kann es Frauen geben, die zum Tragen des Tuches gezwungen werden. Diesen Frauen muss jedoch dadurch Schutz geboten werden, indem man ihre Persönlichkeit stärkt und ihnen hilft, unabhängig zu sein. In diesem Fall muss das Problem an ihrer schwachen Persönlichkeit und Wehrlosigkeit gesehen werden, nicht jedoch an dem Stück Stoff.
Es muss auch klar sein, dass die große Mehrheit der kopftuchtragenden Frauen diese Kleidung lieben und es als Teil ihrer Persönlichkeit betrachten.
Dass es Frauen gibt, die, wodurch auch immer, unterdrückt werden, darf keinem das Recht geben, alle Frauen, die diesem Kleidungsstil folgen, als unterdrückt zu erklären.
Wenn eine Frau eine schwache Persönlichkeit hat und beispielsweise von ihrem Ehemann dazu gezwungen wird, ihm eine Flasche Bier zu holen, käme auch kein Mensch auf die Idee, Bier zu verbieten. Vielmehr müssen Frauen, die Unterdrückung erfahren, Anlaufstellen und Ansprechspersonen haben, die ihnen Unterstützung bieten und sie in ihrer Person stärken.

Kinder tragen Kopftuch

Was Kinder angeht, die ein Kopftuch tragen, so ist dies zwar religiös gesehen kein Gebot, jedoch oft der Wunsch der Kinder. Kinder ahmen Eltern nach – ganz egal worum es sich handelt – was eine gesunde Entwicklung zeigt. Eltern sind für Kinder bis zu einem gewissen Alter große Vorbilder. Mädchen haben meist großen Spaß daran, der Mutter nachzuahmen und schlüpfen beispielsweise in die Highheels der Mama oder schminken sich. Erwachsene widerum empfinden dies als süß, loben die Kinder und können gemeinsam darüber lachen. Bei muslimischen Familien ist es kein bisschen anders! Warum beginnt die Gesellschaft zu zittern, wenn ein Kind mit einem Kopftuch – der Mutter nachahmend – erscheint? Keine Mutter ist glücklich, wenn sie ihr Kind dazu zwingt und das Kind dadurch unglücklich ist. Es liegt in der Natur einer jeden Mutter, eines jeden Vaters – das Ziel, das eigene Kind glücklich zu machen. Der Gesetzgeber kann niemals, in keinem Fall, mit dem Kind mitfühlender sein, als die eigenen Eltern! Mischt sich dennoch der Gesetzgeber mit einem Verbot in die Eltern-Kind-Beziehung ein, sorgt dies dafür, dass Kinder ihre eigenen Eltern nicht mehr als Vorbilder sehen können. „Meine Mama trägt ein Tuch, das mir als Kind verboten ist. Da käme die Polizei, wenn ich Mama nachahmen würde!“ Das sind Gedanken im Kopf eines Kindes, die dieses Gesetz automatisch auslöst!
Wenn es dennoch Eltern gäbe, die ihre Kinder zu irgendetwas bösartig zwingen, so müsse das Jugendamt einschreiten und vor allem die Eltern betreuen. Dies wäre ein tragischer Fall, der aber nicht auf das Kopftuch zurückgeführt werden kann. Fakt ist: Eltern, die ihre Kinder zu etwas zwingen, werden dies auch weiter tun, so es ein Kopftuchverbot gibt. Man müsse dann alles verbieten, wozu Eltern ihre Kinder zwingen – diese Verbotspolitik führt zu einem völligen CHAOS!

ZWANG MIT ZWANG BEKÄMPFEN??
Nehmen wir an, es gäbe diese Kinder, die zum Tragen eines Kopftuches gezwungen werden – Zahlen und Fakten haben wir ja keine. Nun wolle man durch das Verbot des Tragens des Kopftuches eine Befreiung von der Unterdrückung erzielen. ABER: Eine JEDE Art von Zwang ist Unterdrückung! Man will Mädchen und Frauen vom Zwang befreien, indem man sie zwingt, das Kopftuch abzulegen – ohne darauf zu achten, ob Mädchen und Frauen das überhaupt wollen oder nicht. In dem geplanten Kopftuchverbot steckt mehr Zwang und Unterdrückung, als in allem Stoff der Welt!

Bei diesem Verbot – ganz egal welche Altersgruppen angesprochen werden – handelt es sich in keinster Weise um den Willen, die Mädchen und Frauen zu befreien. Das Ziel ist lediglich, den Islam in der Gesellschaft unsichtbar zu machen. Es ist der Islam, der diese Parteien stört und die Angst vor der „Islamisierung“ – was Vertreter dieses Verbots auch oft klar und deutlich sagen.

Ginge es diesen Menschen darum, Mädchen und Frauen zu stärken, wären nicht Frauenhäuser geschlossen worden, weil angeblich zu wenig finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Es wird finanziell gekürzt wo es nur geht – wenn es um die Förderung des Wohles der Frau geht.
Warum also diese Doppelmoral und Falschheit?
Fakt ist: Freiheit ist es, selbst über seinen Körper entscheiden zu können und nicht, dass der Gesetzgeber oder ein böser Ehemann mitentscheidet. Zwang ist Zwang – egal von wem dieser ausgeht und ganz gleich, ob es ein Zwingen zum Ausziehen oder Anziehen ist.
Unser Appell an alle Mitmenschen: Lasst einen jeden Menschen den Kleidungsstil selbst wählen! Diese Unterdrückung widerspricht dem Sinn der Demokratie! Freiheit für ALLE!
An die Regierung: LASST UNSERE KINDER IN RUHE – wir wissen, was ihnen gut tut, mischt euch nicht in unsere Erziehung ein!

Zu meiner Person:

Ich habe selber zwei Mädchen (Zwillinge) im Alter von acht Jahren. Sie wollten bereits MEHRMALS (erstmals im Alter von vier Jahren) ein Kopftuch probieren – was ich ihnen verwehrt habe. Ich habe es jedoch bereut und mich so schlecht gefühlt, dass ich meinen Töchtern ein Kleidungsstück verwehre, nur weil die Gesellschaft es nicht gern sieht. Es geht sehr vielen Müttern so, mit denen ich persönlich gesprochen habe. Manche verbieten es den Mädchen und wissen nicht, wie sie dem Kind den Grund erklären sollten. Genauso ging es mir, als ich es meinen Töchtern vor vier Jahren erstmals verboten habe. Heute – KOMME WAS WOLLE – werde ich das nicht mehr tun. Wenn meine Töchter es tragen wollen, sollen sie das tun, wenn nicht, sollen sie es lassen. Ich bin jedenfalls stolz auf sie, egal was sie tragen – auch sie sind stolz auf mich. Wenn sie dann erwachsen sind, können sie selbst entscheiden, welcher Weg ihr Herz erfreut.

Herzliche Friedensgrüße,

Abdelrahman Jasmina
Sprecherin des Islamischen Friedenszentrums
Obfrau des Vereins MENSCH im Vordergrund



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