Am Beispiel der Frankfurter Rundschau: Der ewige Antijudaismus

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„Der ewige Netanjahu“ titelte die Frankfurter Rundschau, nachdem der amtierende israelische Ministerpräsident, Benjamin Netanjahu, zum 5. Mal wiedergewählt wurde. Dass die Schlagzeile an den antisemitischen Propagandafilm „Der Ewige Jude“ aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnern könnte, der Juden als gefährliche „Untermenschen“ darstellte, kam der Redaktion beim Veröffentlichen des Artikels nicht in den Sinn. Von unserem Gastautor Ahmad A. Omeirate.

Auf Twitter und Facebook löste die Meldung sowohl in Deutschland als auch in Israel kontroverse Debatten aus. Die Chefredaktion entschuldigte sich noch am selben Tag für die Geschichtsvergessenheit“ und die Schlagzeile, die „antisemitische Assoziationen wecken, Stereotype bedienen oder gar falsche Inhalte transportieren“. Vor wenigen Wochen löste die Meldung der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ebenfalls hitzige Diskussionen in den Sozialen Medien aus, weil sie vermeldete, dass „Antisemitismus die Folge von Islamfeindlichkeit“ sei. Dabei berief sich die KNA auf den Bericht vom Liberal islamischer Bund e.V. und dem Ibis Institut, der sich dem muslimischen Antisemitismus unter Jugendlichen widmet.

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Besonders solche Vorfälle rufen erneut ins kollektive Bewusstsein hervor, dass der subtile Antisemitismus allgegenwärtig ist, zu jederzeit vorkommen und verschiedene ideologische Erscheinungsformen annehmen kann. Antisemitismus ist kein Phänomen, das ausschließlich in der Mehrheitsgesellschaft zu verorten ist, sondern auch in der muslimischen Minderheitsgesellschaft in Deutschland auftreten kann. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftler, Soziologe und Professor für Öffentliche Sicherheit an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, charakterisiert diese Erscheinungsformen in 6 Kategorien:

  • Religiöser Antisemitismus: „Die Absolutsetzung der eigenen Auffassung von Religion“,
  • Sozialer Antisemitismus: „(…) sozialer Status von Juden in der Gesellschaft als Motiv des Antisemitismus genannt“,
  • Politischer Antisemitismus: „Juden als einflussreiche soziale Macht, die sich in politischer Absicht zu gemeinsamem Handeln zusammenschlössen“,
  • Rassistischer Antisemitismus: „(…) alle Juden von Natur aus als negativ bewertet“,
  • Sekundärer Antisemitismus: „Wiedergutmachungszahlungen an Israel und der Legitimation von deren Politik im Nahen Osten“ (Holocaustleugnung),
  • Antizionistischer Antisemitismus: „Um nicht den Eindruck eines öffentlich stigmatisierten Antisemitismus zu erwecken, nutzen dessen Apologeten häufig das Schlagwort „Antizionismus““.

Die Kategorien von Pfahl-Traughber lassen sich wiederum grob in zwei Sektionen unterteilen:

  1. der historische Antisemitismus, Antijudaismus, die Judenfeindlichkeit – vor dem 19. Jahrhundert und
  2. der moderne Antisemitismus (der hybride Antisemitismus) – ab dem 19. Jahrhundert.

Die Enthumanisierung von Juden

„Der Ewige Jude“, der 1940 in die deutschen Kinos kam, bedienten sich die Macher dieser judenfeindlichen Stereotype und Vorurteile, die stark im christlich-historischen Antijudaismus verankert sind. Juden aus Osteuropa wurden im Warschauer Ghetto als parasitär, kultur-, rast- und heimatlos bebildert. Man verglich sie mit einer Wanderung von Ratten. Diese Assoziation sollte jüdische Menschen bewusst mit Ungeziefer hervorrufen, um ihnen aller humanen Züge zu berauben. Auch Benjamin Netanjahus Vater, der Historiker Benzion Netanjahu, stammt ursprünglich aus Warschau, was die Überschriftauswahl der Frankfurter Rundschau noch pietätloser erscheinen lässt.

Diese Enthumanisierung von Juden war für die Legitimation von machtpolitischen Entscheidungen und Interessen des Nationalsozialismus notwendig. Das Dritte Reich läutete damit die Ära des modernen Antisemitismus ein, der eine Mischform aus dem christlich-historischen Antijudaismus und dem modernen Antisemitismus entstehen ließ. Der hybride Antisemitismus wurde geboren. Die einhergehende Ideologie trug die NS-Diktatur auch über die Grenzen Europas und des Christentums hinaus. Die Folgen des Regimes: 6 Millionen ermordeten Juden, Flucht und Vertreibungen, Europa in Schutt und Asche, das nahezu ausgelöschte jüdische Leben im gesamten europäischen Raum, die deutsche Teilung und der Kalte Krieg.

Der ideale islamisch-historische Nährboden für Judenfeindlichkeit

Dass der hybride Antisemitismus längst kein reines europäisches Phänomen ist, kann sowohl in aktuellen politischen Debatten als auch im historischen Kontext des 19. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Während Zeit des Nationalsozialismus fanden staatliche und politische Kollaborationen zwischen dem Dritten Reich und anderen Ländern statt. Das Osmanische Reich kooperierte bspw. bereits im Ersten Weltkrieg mit Deutschland. Der Schulterschluss zwischen Hitler und dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des hybriden Antisemitismus im arabischen Raum spielte, traf auf einen idealen islamisch-historischen Nährboden für Judenfeindlichkeit, um ihn im Nahen Osten aufkeimen zu lassen. Dass Hitler allerdings Araber als „lackierte Halbaffen, die die Knute spüren sollten‘ bezeichnete, störte al-Husseini zu dem Zeitpunkt nicht. Beide waren nämlich im Hass gegen die Juden vereint und sich in ihrer Vertreibung einig.

Der religiöse, soziale und politische Antisemitismus ist neben der christlichen auch in der muslimischen Tradition historisch stark verankert und spätestens bei der nächsten Anti-Israel-Demonstration deutlich sichtbar. In einen Bericht des Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom Januar 2018 wurde anhand eines Vorfalls in Berlin darauf aufmerksam, dass es bei solchen Demonstrationen zunehmend „Chaibar, Chaibar, ya yahud, dschaisch Mohammed saya’du“, zu Deutsch: „Chaibar, Chaibar, oh ihr Juden! Mohammeds Heer kommt bald wieder!“ skandiert und von der Jüdischen Gemeinde als Todesdrohung gewertet wird. Dieser Ruf bezieht sich auf den Feldzug Mohammeds im Jahr 628 gegen Chaibar, eine von Juden besiedelte Oase auf dem Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens. Der Grund für seinen Feldzug gegen die Juden war, weil sie sich ihm entgegengestellt und andere Stämme in der Umgebung zum Kampf gegen Mohammed mobilisierten. Nach Wochen der Auseinandersetzungen und der anschließenden Eroberung der Oase sowie dem Übertritt von Stämme zum Islam, machte sich Mohammed als Sieger zurück auf dem Weg nach Yathrib (Medina).

Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen

Muslimische Jugendliche stützen sich zunehmend in ihrer antisemitischen Haltung auf solche Narrative und überlieferten Traditionen sowie Hadithe (islamische Überlieferungen) von Muslimen aus dem 7. bis 9. Jahrhundert. Der wohl judenfeindlichste Hadith aus Kitab al-fitan wal-malahim von Nu’aim ibn Hammad (gest. 844 – 845), der im Konflikt mit Israel instrumentalisiert und aus dem Kontext gerissen wird sowie von der Terrororganisation Hamas in ihrer Charta aufgenommen wurde, lautet:

Die Stunde wird nicht schlagen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und töten, sodass die Juden sich hinter Steinen und Bäume verstecken. Die Steine oder Bäume sagen jedoch: O, Muslim! O, Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm und töte ihn! Nur al-Gharqad nicht; denn er ist ein Baum der Juden“.

Diese Überlieferung kommt ebenso in der Hadithen-Sammlung „Sahih Muslim“ von Muslim ibn al-Haddschadsch (um 820 – 875) vor. Die Sammlung wurde von dem bedeutenden islamischen Gelehrten al-Buchari (um 810 – 870) als authentisch verifiziert und gilt als eine von sechs kanonischen Hadithen-Sammlungen, die von Muslimen zur Hilfenahme herangezogen wird.

Nach der Entscheidung des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels anzuerkennen, äußerte sich der türkische Präsident Recep Tayyib Erdogan zum Vorhaben. Bei einem Gipfel der Organisation der Islamischen Länder (OIC) sagte Erdogan Ende 2017, dass es „vor 1940 keinen jüdischen Staat“ gegeben habe, und drohte, „jene, die meinen, die Stadt zu besitzen“ – also Israels Juden –, würden irgendwann in der Zukunft „keinen Baum finden, hinter dem sie sich verstecken können“. Er bezog sich höchstwahrscheinlich bei seiner Anspielung auf den vorher benannten Hadith, der auch bei vielen muslimischen Jugendlichen in Deutschland in ihrer Rhetorik wiederzufinden ist.

Dem Phänomen des Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen haben sich Lamya Kaddor, Patricia Jessen, Rabeya Müller und Stephanie Schoene gewidmet. In ihrer Abschlussdokumentation des Projekts „Extreme Out – gegen Antisemitismus“, dass vom Liberal islamischer Bund e.V. und dem Ibis Institut herausgegeben und an nur 2 Schulen in Duisburg sowie Dienstlaken durchgeführt wurde, kommen die Autorinnen zum Entschluss, dass

„Der bei muslimischen Jugendlichen in Deutschland vorhandene antisemitische Diskurs (ist) insbesondere vom rassistisch motivierten Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert und der Auseinandersetzung mit dem israelischen Staat sowie antizionistischen Stereotypen und Vorurteilen geprägt [ist]“.

Nach der Kategorisierung von Pfahl-Traughber bezieht sich dieses Fazit von Kaddor und Co. auf den rassistisch, sekundären und antizionistischen Antisemitismus und schließt den historischen Antijudaismus von Muslimen und ihrer kanonischen Auffassung des Qurans sowie der islamischen Überlieferungen und Traditionen von Muslimen ab dem 7. Jahrhundert gänzlich aus. Obwohl der islamisch-historische Antisemitismus und die historischen Ereignisse sowie nachweisbaren antijudaistischen Suren und Verse – die im Bericht zwar benannt bzw. zumindest angerissen werden, die ebenso von religiösen Autoritäten für ihre islamistisch-antisemitische Propaganda in Moscheen verwendet wird und von jungen unkritischen Muslimen nicht immer, als aus dem Kontext gerissene Zitate sowie Interpretationen identifiziert werden können, sind sich die Autorinnen des Berichts einig, dass

„(…) nicht von einem muslimischen oder islamischen Antisemitismus gesprochen werden [kann], denn dies würde beinhalten, dass „der Islam“ als Religion Judenfeindlichkeit predigt“.

Der absolute Wahrheits- und Machtanspruch

Nach den Merkmalen des Verfassungsschutz Hessen bedienen sich Islamisten aus der Ideologie des Salafismus, die innerhalb der Strömung des sunnitischen Islams entstand und fundamentalistische bis extremistische Ansichten vertritt sowie sich stark in ihrer Lebensweise und Interpretation an die frühen Muslime orientieren, eben genau diese Elemente, die die Verfasserinnen im Bericht jedoch exkludieren. Die von Pfahl-Traughber benannten ideologischen Erscheinungsformen des religiösen, sozialen und politischen Antisemitismus sind in dieser sowie in anderen extremistischen Ideologien innerhalb des Islamismus deutlich nachweisbar. Folglich geht der absolute Wahrheits- und Machtanspruch ausschließlich von ihnen aus. Muslime, die sich nicht nach ihren Vorstellungen des Islams anschließen, und Andersgläubige (Juden, Christen, Polytheisten) sind für sie Ungläubige (arab. Kuffar), die bekämpft werden. Die religiöse Praxis und Lebensausführung muss sich buchstabengetreu an den Vorgaben des Qurans und der Sunna (arab. Tradition) orientieren. Salafistische Prediger lehnen westliche Positionen und Prinzipien sowie den Dialog mit Anhängern anderer Religionen ab. Demzufolge geht die antisemitische und antiisraelische Haltung dieser Ideologie einher, die aus Teilen von Suren und Hadithen abgeleitet und mit rechtsextremistischer Auffassung des Islams vermengt wird. Diese salafistische Vorstellung lässt sich eben genau auf alle Elemente des hybriden Antisemitismus übertragen.

Der Begriff taugt nicht

Dass solche Einordnungen ziemlich schwammig seien und die Judenfeindlichkeit relativieren sowie entsprechend den Vorstellungen der Zielsetzung verwendet werden können, stellt auch der Historiker Michael Wolffsohn fest. Professor Wolffsohn plädierte daher im Interview mit dem Deutschlandfunk für die Verwendung von eindeutigen Begriffen wie Antijudaismus, Judenfeindlichkeit oder Judenhass anstelle von Antisemitismus. Letzterer schließt nämlich je nach Perspektive auch Araber ein. Das Dritte Reich hatte zwar im Kampf gegen Großbritannien im Nahen Osten sich mit den Arabern verbündet, jedoch bezog sich der Antisemitismus nach dem NS-Verständnis genauso auf Araber und Muslime. Sie gehören zwar so wie Juden auch zu den semitischen Völkern, jedoch waren sie Kollaborateure der NS-Diktatur. Der Begriff Antisemitismus taugt daher nicht und sei nur eine „akademische Glasperlenspielerei“. Wolffsohn meint:

„Nur wenn Sie die Wirklichkeit nicht durch den richtigen Begriff wiedergeben, dann kriegen Sie auch die Wirklichkeit nicht in den Griff. Das ist so, wie wenn ein Arzt eine Diagnose zu fällen hat, die ihm nicht gefällt und dann sagt er zum Patienten, der ein Krebsgeschwür hat, eigentlich hast du nur Halsschmerzen.“

Antijudaismus und die Ablehnung des Judentums ist ungefähr 3.000 Jahre alt und stammt noch aus der Zeit des antiken Ägyptens. Diese Ablehnung wurde dann in der Frühphase der Institutionalisierung auch in die frühchristliche Praxis übernommen, dass in der Konkurrenzsituation mit dem Judentum eine Abgrenzung setzen sollte. Auch im Islam wurde später diese Haltung und Einstellung übernommen, die nicht antisemitische, sondern antijüdische Elemente in den Heiligen Schriften beinhaltet und nichts mit dem Nahostkonflikt zu tun haben. Dieser Konflikt kam im Laufe der Zeit hinzu, der sich eben auf diese antijüdischen Elemente stützt.

Basierend auf den Erkenntnissen ist darauf hinzuweisen, dass man nur effektiv gegen Judenfeindlichkeit und Judenhass – auch im muslimischen Kontext – vorgehen kann, wenn ein ehrlicher, kritischer, sachlicher und reflektierter Umgang mit den eigenen religiösen Dogmen stattfindet. Diese „akademische Glasperlenspielerei“ von Kaddor und Co. führt zu keinem Diskurs. Im Gegenteil, der Bericht mündet in einer muslimischen Realitätsverzerrung und bedient die gängigen Opfermythen von muslimischen Fundamentalisten, die sich gern als „die neuen Juden“ bezeichnen und gleichzeitig antijudaistische Haltungen einnehmen. Ebenso bietet er keine weitere Grundlage zur Untersuchung von Judenfeindlichkeit in Bezug auf muslimische Jugendliche, da die Ausgangslage zu den historischen antijüdischen Elementen im Islam gänzlich negiert wurden.

Ahmad A. Omeirate hat Wirtschaft in Berlin (hwr berlin) und Dortmund (tu Dortmund) studiert und wohnte während einer Zeit im Ruhrgebiet in Essen. Aktuell  studiert er  Islamwissenschaft an der FU Berlin. 





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